Ryan Cullen, Nazanin Noori, Prateek Vijan.
Zu sehen vom 14. März bis 25. Mai 2026 im Marta Herford.
Marta Herford präsentiert die drei Preisträger*innen des ars viva-Preises 2026: Ryan Cullen, Nazanin Noori und Prateek Vijan, und lenkt den Fokus auf eine neue Generation von Künstler*innen. Ihre eigens für die Schau in der Lippold-Galerie entwickelten und ausgewählten Beiträge thematisieren kulturelle, gesellschaftliche und politische Verflechtungen und eröffnen vielschichtige Perspektiven auf aktuelle Fragen.
Nazanin Noori: Klang, Raum und poetische Resonanz

Nazanin Noori (*1991 in Wiesbaden, lebt in Berlin) arbeitet interdisziplinär an der Schnittstelle von Klang, Raum, Text und Performance. In ihren Installationen erforscht sie, wie Inszenierung und Darstellung kollektive Vorstellungen von Spiritualität, Macht und Gemeinschaft prägen. Dabei verbindet sie poetische, musikalische und räumliche Elemente zu atmosphärischen Erfahrungsräumen.
Ausgehend von religiösen, literarischen und musikalischen Quellen – zum Beispiel der sufistischen Mystik oder persischen Poesie – untersucht Noori spirituelle Weltbilder und ihre gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen. Ihre Arbeiten greifen historische und theologische Ideen auf und übertragen sie in zeitgenössische künstlerische Formen, in denen Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und Hierarchie neu gestellt werden.

Gleichzeitig sind ihre Arbeiten von aktuellen gesellschaftspolitischen Themen geprägt. Vor dem Hintergrund globaler Konflikte und Protestbewegungen reflektiert Noori Distanz, Resonanz und die mediale Vermittlung von politischen Ereignissen. Mit einer poetischen Bild- und Klangsprache eröffnet sie Räume, in denen persönliche Erfahrung, kulturelle Erinnerung und politische Gegenwart miteinander in Beziehung treten.




Ryan Cullen: Material, Konsum und gesellschaftliche Selbstinszenierung
Ryan Cullen (*1992 in Boston, USA; lebt in Brüssel und Berlin) arbeitet an der Schnittstelle von Malerei, Skulptur und Installation. In seinen Arbeiten untersucht er, wie Darstellungen, Bilder und Oberflächen gesellschaftliche Wirklichkeiten formen– und wie sich in ihnen Fragen von Identität, Besitz und Status einschreiben.



Architekturfragmente, Alltagsmaterialien und Motive aus Konsum- und Statuskulturen tauchen in unterschiedlichen Medien wieder auf und verschränken sich zu komplexen Bild- und Bedeutungsräumen. Cullen interessiert sich dabei besonders für die visuellen Codes westlicher Konsum- und Leistungsgesellschaften: für Fetischisierung, Wettbewerb, Selbstinszenierung und die symbolische Aufladung von Objekten.

Indem er solche Motive in Malerei und räumliche Installationen überführt, reflektiert Cullen zugleich die Mechanismen der Bildproduktion, an denen auch die Bildende Kunst beteiligt ist. Seine Arbeiten bleiben bewusst offen in ihrer Lesart und erzeugen eine Atmosphäre, in der sich die Spannungen und Widersprüche einer Gesellschaft zeigen, die zwischen Konsumversprechen, Anerkennungsdruck und selbstzerstörerischen Dynamiken oszilliert.

Prateek Vijan: Strukturen von Zugang und Ausschluss
Prateek Vijan (*1991 in Neu-Delhi, lebt in Berlin) beschäftigt sich in seinen Arbeiten mit Fragen von Zugang, Teilhabe und institutioneller Macht. Ausgehend von Recherchen zu kolonialen Sammlungen und musealen Strukturen untersucht er, wie historische Machtverhältnisse bis heute in der Gesellschaft fortwirken und sich in räumlichen, bürokratischen und symbolischen Barrieren manifestieren.

Seine Installationen übersetzen diese oft abstrakten Strukturen in konkrete räumliche Erfahrungen. Durch gezielte Eingriffe in Architektur und Wegeführung macht Vijan sichtbar, wie Zugänge reguliert, Wissen kontrolliert und bestimmte Perspektiven privilegiert werden, während andere ausgeschlossen bleiben.

Ein zentraler Bezugspunkt seiner Arbeit ist der Umgang mit kolonialem Raubgut und die Frage nach Besitz, Rückgabe und historischer Verantwortung. Mithilfe von Recherche, spekulativen Szenarien und architektonischen Modellen reflektiert Vijan Möglichkeiten, bestehende Systeme zu hinterfragen oder zu unterlaufen – und eröffnet damit neue Perspektiven auf die Macht von Institutionen und die politischen Dimensionen von Objekten.


Die drei künstlerischen Positionen zeigen, wie Darstellungen – in Bildern, Räumen, Klängen und Zeichen – gesellschaftliche Wirklichkeiten formen. Ryan Cullen, Nazanin Noori und Prateek Vijan untersuchen auf unterschiedliche Weise die Systeme, durch die Hierarchien, Identität, Spiritualität oder Besitzverhältnisse sichtbar und wirksam werden – sei es in den Bildwelten der Konsumgesellschaft, in religiösen Traditionen oder in institutionellen Strukturen.
Dabei erweitern alle drei ars viva-Preisträger*innen 2026 den Begriff der Darstellung über das rein Bildliche hinaus. Durch Installationen, Klang, Architektur und räumliche Inszenierungen entstehen Erfahrungsräume, in denen gesellschaftliche Zusammenhänge nicht nur sichtbar, sondern auch körperlich und situativ erfahrbar werden. Gemeinsam eröffnen die Arbeiten so eine kritische Perspektive auf die Mechanismen, durch die Macht, etablierte Normen und gesellschaftliche Ordnungen aufrechterhalten werden.
Den ars viva-Preis für Bildende Kunst vergibt der Kulturkreis jährlich seit 1953 an herausragende junge, in Deutschland lebende Künstler*innen unter 35 Jahren. Das Marta Herford ist die erste zweier Ausstellungsstationen. Im Winter folgt die Präsentation im Kunstverein Braunschweig (5. 12. 2026 – 21. 2. 2027).
In Kooperation mit dem Kulturkreis der deutschen Wirtschaft /
Gefördert durch die Péter Horváth Stiftung

Über den ars viva-Preis
Seit 1953 vergibt der Kulturkreis jährlich den ars viva-Preis für bildende Kunst an herausragende junge, in Deutschland lebende Künstler*innen unter 35 Jahren. Seither wurden über 350 Künstler*innen ausgezeichnet, darunter Rosemarie Trockel, Candida Höfer, Wolfgang Tillmans, Omer Fast, Cemile Sahin und Sung Tieu. Im Fokus der Jury stehen künstlerische Positionen, die eine eigenständige Formensprache entwickeln und gesellschaftliche wie kulturelle Fragestellungen reflektieren. Der ars viva-Preis wird von der Péter Horváth Stiftung gefördert. Weitere Informationen unter arsviva.kulturkreis.eu
Über den Kulturkreis der deutschen Wirtschaft
Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft wurde 1951 gegründet und ist die traditionsreichste Institution für unternehmerische Kulturförderung in Deutschland. Als unabhängiges Netzwerk engagierter Unternehmen setzt er sich für Kunstfreiheit als zentrale Säule der Demokratie ein. Im Zentrum seiner Arbeit steht seit über 70 Jahren die Förderung von Nachwuchstalenten in den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Literatur und Musik. Dank Mitgliedsbeiträgen und Spenden konnte der Kulturkreis bereits zahlreiche Kunstschaffende zu Beginn ihrer Karriere unterstützen, darunter herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Günter Grass, Georg Baselitz, Sabine Meyer, Katharina Sieverding, Tabea Zimmermann, Rosemarie Trockel, Candida Höfer, Robert Menasse und Thomas Demand. Weitere Informationen unter kulturkreis.eu

Katalog
Der Katalog zumars viva 2026 erschien im DISTANZ Verlag, herausgegeben von Min-young Jeon, Kulturkreis der deutschen Wirtschaft, und ist auch im Marta-Shop erhältlich. Das zweisprachige Buch (Deutsch/Englisch) präsentiert die Arbeiten der drei Preisträger*innen Ryan Cullen, Nazanin Noori und Prateek Vijan. Ergänzt wird es durch Texte von Nikita Dhawan, Bitsy Knox, Nora O’Murchú und Skye Arundhati Thomas. Gestaltung: Berliner Studio Shortnotice. Weitere Informationen zum Katalog unter ars viva 2026
Termine
Fr 13. 3. 2026, 19 Uhr, Eröffnung im Marta-Forum
Mit Grußworten von Marta-Direktorin Kathleen Rahn, Dr. Daniel Teubner (1. stellvertretender Bürgermeister der Hansestadt Herford) und Ulrich Sauerwein (Vorsitzender Gremium Bildende Kunst, Kulturkreis der deutschen Wirtschaft). Friederike Korfmacher, Assistenzkuratorin Marta Herford, gibt eine Einführung in die Themen der Ausstellung. Die Lippold-Galerie ist ab 18 Uhr geöffnet. Von 18-21 Uhr stehen die Marta-Kunstsprecher*innen in den Ausstellungsräumen für Fragen und Austausch bereit. Der Eintritt ist ab 18 Uhr frei. Das Marta Café bietet bis in den Abend hinein leckere Speisen und Getränke.
Sa 14. 3. 2026, 12 Uhr, Artist Talk
mit Ryan Cullen, Nazanin Noori, Prateek Vijan und Min-young Jeon (Kulturkreis der deutschen Wirtschaft). Moderiert wird das Gespräch von Friederike Korfmacher, Assistenzkuratorin Marta Herford.
So 25. 5., 14 Uhr, Letzte Blicke
Zur Finissage richtet Marta-Direktorin Kathleen Rahn in einem einstündigen Rundgang einen persönlichen Blick auf die Ausstellung.
Öffentliche Führungen durch die Ausstellungen
Jeden Mittwoch um 18 Uhr (Öffnungszeit des Museums mittwochs bis 20 Uhr) sowie samstags und an Sonn- und Feiertagen jeweils um 15 Uhr
Ticket 3,50 Euro zzgl. Ausstellungseintritt, ohne Anmeldung, Tickets online oder an der Museumskasse
Architekturführungen
Jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 15 Uhr
Ticket 3,50 Euro zzgl. Ausstellungseintritt, ohne Anmeldung, Tickets online oder an der Museumskasse
Workshops für Unternehmen und Privatgruppen
Ob Geburtstag oder Teambildung: es gibt viele Anlässe für einen Workshop im Marta-Atelier. Inspiriert von der Ausstellung werden selbst künstlerische Herangehensweisen und Techniken erprobt. Termine nach Absprache
Weitere Informationen erhalten Sie unter: marta-herford.de
Informationen zu Marta Herford
Mit seinen fließenden und kippenden Wänden ist das Marta im ostwestfälischen Herford eines der ungewöhnlichsten Museumsbauwerke weltweit. Für die Fassade wählte der amerikanische Star-Architekt Frank Gehry dunkelrote Backsteine, die im Kontrast stehen zum hellen Edelstahldach und dem weiß verputzten Gebäudekern.
Die schwingende Bewegung der Formen findet ihren Nachklang im losen Verbund der Steine auf dem Boden und die wogende Dachlandschaft spiegelt auch den angrenzenden Flusslauf der Aa wieder. Im Innern des Museums setzt sich dies fort: Als bewegte Raumvolumen mit geradezu tänzerischer Choreographie verwandelt die Architektur jede Ausstellung in ein besonderes Raumerlebnis. Neben den Galerien umfasst der Gehry-Bau außerdem das lichtdurchflutete Marta Café mit Außenterasse am Wasser, den Museums-Shop und ein Veranstaltungsforum. Eine ganz andere Architektursprache aus geraden Linien und rechten Winkeln eröffnet sich dem Besucher in der Lobby. Den Kern des Museums bildet nämlich eine ehemaligen Textilfabrik der Firma Ahlers, die 1959 von Walter Lippold errichtet wurde. Gehry ließ dieses Gebäude in seiner Grundstruktur weitestgehend unverändert. Während sich in der ersten Etage dieses Bestandsbaus mit der Lippold-Galerie weitere Ausstellungsräume befinden, folgen darüber das Marta-Atelier, die Marta-Büros und Seminarräume sowie die Räumlichkeiten der Verbände der Holz- und Möbelindustrie Nordrhein-Westfalen. Mit der Eröffnung im Mai 2005 setzte die Stadt Herford auch ein eindeutiges Signal für eine zukunftsorientierte Entwicklung des Bahnhofsviertels. Die Skulpturen rund um das Marta-Gelände zählen zu den wichtigsten Kunstwerken in der Stadt. In den letzten Jahren hat das Museum auch durch seine schrittweise Erweiterung dazu beigetragen, dass die Besucher das Marta als einen lebendigen Treffpunkt erleben. So bietet das Marta-Atelier in der zweiten Etage ideale Voraussetzungen für ein vielfältiges Workshop-Programm der Museumspädagogik. Und der idyllische Garten am Marta-Depot, gestaltet vom renommierten „atelier le balto“, lädt jederzeit zu einem spontanen Aufenthalt mit Blick auf den Fluss ein.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich Herford zu einem für seine Möbel- und Bekleidungsindustrie bedeutsamen Standort entwickelt. Diese höchst produktive und weltweit aktive wirtschaftliche Struktur brachte 1996 engagierte Köpfe auf die Idee, ein unübersehbares Zeichen in der Region zu setzen. Grundgedanke war die Zusammenführung von Kunst, Wirtschaft und Gesellschaft in einem spektakulären Gebäude. Die Entscheidung für Frank Gehry als Architekt und Jan Hoet als Gründungsdirektor gab dem Projekt die entscheidende Richtung. Am 7. Mai 2005 wurde Marta Herford schließlich unter großem öffentlichem Interesse feierlich eröffnet. Nachdem das Museum von 2009 bis 2021 von Roland Nachtigäller geleitet wurde, hat Kathleen Rahn im Februar 2022 die künstlerische Direktion übernommen.
Text: © Marta Herford

