Fotografie und Gemeinschaft.

Ausstellung vom 11. Februar bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf.

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf
Neal Slavin

Die Familie, der Schwimmverein, das politische Kollektiv: Menschen schließen sich seit jeher zu Gemeinschaften zusammen. Doch Gemeinschaft ist per se nicht sichtbar, vielmehr beschreibt sie ein Gefühl, einen Wunsch und eine Behauptung. Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden. Fotografie hält Zugehörigkeit nicht nur fest, sie kann sie ebenso erzeugen, bekräftigen oder infrage stellen. Sie macht sichtbar, dass man Teil von etwas Größerem ist und dient zugleich der Abgrenzung: Wer schafft es in den Bildausschnitt, wer bleibt außen vor? Die Ausstellung beleuchtet dieses spannungsreiche Verhältnis in neun thematischen Kapiteln. Angewandte und künstlerische Fotografie treten dabei bewusst in einen Dialog. Ausgehend von der Sammlung des Kunstpalastes und ergänzt durch wichtige Leihgaben zeigt die 270 Werke umfassende Schau erstmals, wie sich Formen des Zusammenlebens und Formen bildlicher Darstellung wechselseitig beeinflussen. Der Bogen spannt sich von Gruppenporträts des 19. Jahrhunderts bis zu digitalen Bildwelten der Gegenwart.

„Fotografie ist eines der prägendsten sozialen Medien überhaupt, lange bevor es Social Media gab“, so Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalastes. „Sie stiftet Nähe, schafft Identität und zeigt zugleich, wie fragil Zugehörigkeit sein kann. Diese Ausstellung macht sichtbar, wie sehr unsere Vorstellungen von Gemeinschaft an Bilder gebunden sind.”

Das Gruppenbild als Ritual: „Das sind wir!”

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf

Kaum ein fotografisches Genre eignet sich besser, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, als das Gruppenbild. Von der streng komponierten Studioaufnahme des 19. Jahrhunderts bis zum spontanen Group Selfie unterwegs stellen Menschen sich gemeinsam für die Kamera auf. Sie rücken zusammen, ordnen ihre Körper, finden eine Position im Bild. Familien, Freundeskreise, Berufsgruppen oder Vereine: Das gemeinsame Posieren ist ein Ritual, das Verbundenheit ausdrückt. Besonders dann, wenn Fotografien ihren Weg in Alben finden, werden sie zum Anlass, Gemeinschaft zu erzählen, zu erinnern und lebendig zu halten.

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf
Unbekannt

Das Gruppenfoto folgt jedoch meist ungeschriebenen Regeln. Wer steht in der Mitte, wer am Rand? Wer erscheint oben, wer unten, wer fehlt im Bild? Die Aufstellung verrät Hierarchien und soziale Ordnung innerhalb einer Gemeinschaft. Sechs Videoarbeiten von Juliane Herrmann zeigen dies besonders eindrucksvoll: Sie filmt heimlich die Aufstellung von Gruppen und macht so Ordnungsprozesse und Machtverhältnisse sichtbar.

Juliane Herrmann

Historische und zeitgenössische Gruppenporträts – von anonymen Fotograf*innen über August Sander bis Neal Slavin – belegen: Gemeinschaftliche Fotos spiegeln Beziehungsgefüge nicht nur, sie tragen auch dazu bei, sie zu formen.

„Mich interessiert an der Fotografie ihre doppelte Wirkweise”, sagt Linda Conze, Kuratorin der Ausstellung und Leiterin der Fotosammlung am Kunstpalast. „Sie lässt Menschen, die gemeinsam im Bild zu sehen sind, selbstverständlich zusammengehörig erscheinen. Zugleich verschweigt sie, wer außen vor blieb.”

Co-Kuratorin Miriam Homer fügt hinzu: „Im Nebeneinander der Werke zeigt sich, dass das Medium Gemeinschaft nicht nur abbildet, sondern gestaltet — etwa durch die Auswahl, Inszenierung und Anordnung der Menschen im Bild.”

Bildgewordene Gemeinschaft ist veränderbar: „Wer gehört dazu?”

Andrzej Steinbach

Ist Gemeinschaft einmal zum Bild geworden, könnte man meinen, sie sei gesichert. Doch Fotografien lassen sich bearbeiten, umdeuten und neu zusammensetzen. Vom Schnitt mit der Schere über komplexe Montagetechniken bis hin zum Einsatz künstlicher Intelligenz: Gemeinschaft im Bild kann erweitert, aufgekündigt oder aus dem Nichts erzeugt werden. Wer im Moment der Aufnahme nicht anwesend war, taucht nachträglich im Foto auf. Wer nicht mehr dazugehören soll, verschwindet. Und wer in der Geschichte lange Zeit systematisch unsichtbar gemacht wurde, kann endlich in Erscheinung treten: Omar Victor Diop unterwandert die visuelle Einheit weißer Mittelschicht-Gruppenfotos aus den 1960er Jahren, indem er sich selbst — als schwarzer Künstler – in diese montiert. Mayara Ferrão nutzt künstliche Intelligenz, um queere Paare in historischen Bildkontexten zu inszenieren – ein utopischer Rückblick.

Omar Victor Diop & Lee Shulman

Damit wird Fotografie als Prozess sichtbar. Sie ist kein fixierter Zustand, sondern verändert sich durch ihre Nutzung. Eingriffe können emotional, zweckmäßig oder politisch motiviert sein und sie reichen von kaum wahrnehmbar bis deutlich konfrontativ. Wenn am Gruppenfoto „herumgebastelt” wird, zeigt sich besonders klar, dass Gemeinschaft immer gleichzeitig Einschluss und Ausschluss bedeutet.

Wenn Nähe Druck erzeugt: „Zu eng. Gemeinschaft als Zumutung”

Gemeinschaft wird oft idealisiert als Ort von Wärme und Zusammenhalt. Sie kann jedoch zur Zumutung werden, wenn sie Anpassung erzwingt, Selbstbestimmung einschränkt oder soziale Kontrolle ausübt. Viele Menschen finden sich unfreiwillig in Gemeinschaften wieder. Sie werden in Familien, Religionen oder Klassen hineingeboren. Auch in Institutionen wie Schule oder Pflegeheim geht es nicht immer um innige Verbundenheit, sondern manchmal um ein bloßes Auskommen.

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf
Heinrich Riebesehl

In Blicken, Gesten, Haltungen und in der Art, wie Menschen ihren Platz im Raum einnehmen, zeigen sich Spannungen im Zusammensein. Die Fotografie kann hier still beobachten, persönlich reflektieren oder kritisch zuspitzen. Zwischen Dokumentation und künstlerischem Experiment macht dieses Kapitel deutlich: gemeinschaftliches Leben ist nicht nur tröstlich, es kann auch anstrengend und einengend sein.

Yvon Chabrowski

Ein Dorf im Wandel: „Gemeinschaft begleiten”

Ein herausragendes Beispiel für die Langzeitbeobachtung von Gemeinschaft bildet das Porträt des Ortes Berka in Thüringen, das sich über 70 Jahre entfaltet. Drei Fotograf*innen aus einer Familie widmeten sich Berka zu unterschiedlichen Zeiten. Wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs begann Ludwig Schirmer, Müllermeister in Berka, den Alltag und die Feste im Dorf festzuhalten.

Ludwig Schirmer

Ohne diese Bilder zu kennen, schloss sein Schwiegersohn Werner Mahler 1978 das Fotografiestudium mit einer Serie über Berka ab.

Werner Mahler

1998 kehrte er im Auftrag des Magazins Stern zurück, um Veränderungen nach dem Mauerfall zu dokumentieren.

Als Schirmer 2001 starb, entdeckte seine Tochter, die Fotografin Ute Mahler, die Negative im Nachlass, fertigte erste Vergrößerungen an und kehrte später selbst mit der Kamera an den Ort ihrer Kindheit zurück.

Ute Mahler

Die Vielfalt der Bilder zeigt nicht nur, wie sich Rituale, Begegnungsorte und das Miteinander verändern. Sie macht auch die Rolle der Fotograf*innen sichtbar: Nähe oder Distanz, Zugehörigkeit oder Blick von außen prägen die Erzählung mit. Gemeinschaft entsteht hier nicht nur vor der Kamera, sondern ebenso in der Beziehung zwischen denen, die fotografieren, und denen, die fotografiert werden.

Räume der Begegnung und ihr Verschwinden: „Gemeinschaft in Wartestellung”

Gemeinschaft braucht Orte für Austausch und auch für Streit: Spielplatz, Café, Straße oder heute die Kommentarspalte. Ihre Gestaltung bestimmt, wie und von wem sie genutzt werden, und spiegelt gesellschaftspolitische Strukturen wider. Wenn zentrale Orte der Gemeinschaft nicht mehr nutzbar sind, können Isolation und Einsamkeit wachsen.

Andreas Langfeld

Eine Arbeit des Künstlers Andreas Langfeld (*1984) zeigt öffentliche Plätze in Düsseldorf und Köln während der Corona-Pandemie, als die Zukunft ungewiss war. Absperrungen und Markierungen erzwingen Distanz. Der grelle Blitz macht die Leere sichtbar und schafft eine bedrohliche Atmosphäre. Langfeld fotografierte auf nächtlichen Spaziergängen und veröffentlichte die Aufnahmen jeweils am nächsten Morgen auf Social Media, wo ein Dialog über die aktuelle Situation entstand. Für den Künstler, der sonst Menschen in den Mittelpunkt stellt und kollaborativ arbeitet, wurde diese Arbeitsweise zu einer unfreiwilligen, zugleich produktiven Veränderung: Was bleibt von einem Ort ohne Begegnung, und wohin weicht Gemeinschaft aus?

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Andreas Langfeld

Wir-Gefühl und Vereinnahmung: „Eins werden”

Gemeinschaft wird in unterschiedlichen Maßstäben beschworen, von der Familie über das Dorf bis hin zur Nation. Bilder, in denen die Masse das Individuum visuell vereinnahmt, entfalten häufig starke symbolische Wirkung. Teil einer großen Menge zu sein, geht oft mit intensiven Wir-Gefühlen einher. Wer mittendrin steht, kann die Menge jedoch nicht überblicken, sondern nimmt sie nur in Ausschnitten wahr. Erst der fotografische Blick von außen macht ein Ganzes nachvollziehbar.

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Bogomir Ecker

Diese Fähigkeit des Mediums, Massenerfahrungen nachträglich begreifbar zu machen, wird in politischen Kontexten ebenso eingesetzt wie in Popkultur oder künstlerischen Utopien. Doch wo Gesichter verschwimmen und individuelle Merkmale untergehen, kann sowohl ein Versprechen von Gleichheit liegen als auch der Zwang zur Anpassung. Eine Fotografie, die 1936 bei den Dreharbeiten zu Leni Riefenstahls Film „Olympia“ entstand, inszeniert Gemeinschaft als Gleichschritt und wirkt wie eine bildgewordene Vision nationalsozialistischer Ideale. Ramona Schacht zerlegt im bewussten Kontrast dazu sowjetische Propagandabilder in Detailaufnahmen und enttarnt so die Inszenierung sozialistischer Einheit.

Sichtbarkeit, Kontrolle, Überwachung: „Eine*r unter vielen”

Fotografie kann Menschen in der Menge verschmelzen lassen, sie kann aber auch Einzelne herauslösen und ihnen besondere Sichtbarkeit verleihen. Zoom, Markierungen oder Technologien der Gesichtserkennung lenken den Blick auf Individuen. Oft braucht es ein einzelnes Gesicht, damit sich Vorstellungen von Gemeinschaft verdichten.

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Ernst Schieron

Die Hervorhebung Einzelner kann Anerkennung bedeuten, sie kann jedoch auch von Misstrauen geleitet sein. Ein Pressefoto von 1936 zeigt eine Menge im Hitlergruß, nur ein Mann verweigert ihn. Seine Geste blieb zunächst unbeachtet, wurde später aber zur Ikone des Widerstands. Indem Massen visuell aufgespalten werden, lassen sich soziale Strukturen untersuchen und vermeintliche Einigkeit hinterfragen. Zugleich kann diese Auswahl der Überwachung dienen und Anonymität aufheben.

Gegen die Leerstelle: „Black Archive Germany”

Mit dem Black Archive Germany rückt die Ausstellung ein Projekt in den Mittelpunkt, das Gemeinschaft auch als Erinnerungspraxis versteht. Die Künstlerin Cate Lartey sammelt fotografische Erinnerungen afrikanischer Communitys in Deutschland. Über öffentliche Aufrufe kommen private Fotografien zusammen, die Momente des Miteinanders festhalten: Familienfeste, Urlaube, Partys. Die Bilder stammen aus den 1970er- bis 2000er-Jahren. Häufig gehen Scans oder Fotos der Abzüge in das Archiv ein, weil die Besitzer*innen an den Originalen hängen. Die Übergaben werden zum Anlass für Gespräche und das Teilen von Geschichten.

Der bildliche Reichtum führt im Umkehrschluss einen Mangel vor Augen: die geringe Präsenz Schwarzer Communitys im kulturellen Gedächtnis Deutschlands und in offiziellen Archiven. Das Projekt füllt nicht nur eine Leerstelle, es eröffnet einen Raum für Austausch und Verbindung in der Gegenwart, der geografische und generationelle Grenzen überwindet. Damit wird auch hier deutlich: Fotografie entsteht im Netzwerk von Menschen, Technik, Institutionen und Geschichte und setzt sich im Blick der Betrachtenden fort.

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf

Vernetzt wie nie: „How to get in Touch”

Nie zuvor waren Menschen so sehr miteinander verbunden wie in der Gegenwart. Digitale Vernetzung ermöglicht Kontakt in Echtzeit mit Menschen in der Nähe und mit denen, die weit entfernt sind. Fotos spielen dabei eine besondere Rolle: Sie zu teilen ist mindestens so wichtig geworden wie auf ihnen zu erscheinen. Algorithmen bestimmen mit, was wir online sehen, hören oder lesen.

Clemens von Wedemeyer

Sie erfassen und beeinflussen unsere Verbindungen und wissen manchmal besser, wie wir vernetzt sind, als wir selbst. Die Arbeiten dieses Kapitels verhandeln die Netzwerkhaftigkeit unseres Daseins und ihre Darstellbarkeit. Die Ausstellung zeigt: Formen der Gemeinschaft sind ebenso veränderlich wie ihre Medien.

Clemens von Wedemeyer

Werden Sie Teil der Ausstellung!

Ein eigener Bereich macht die Idee von Gemeinschaft im Kunstpalast unmittelbar erlebbar und wächst während der gesamten Laufzeit weiter: Düsseldorfer Vereine, Institute, Betriebe und Fanclubs sind dem Aufruf gefolgt und haben sich mit historischen sowie aktuellen Gruppenfotos beteiligt. Einige der Fotografien stammen aus dem 19. Jahrhundert und verweisen auf eine traditionsreiche Vereinsgeschichte. Andere Gemeinschaften haben sich erst vor wenigen Jahren gegründet. Die Vielfalt der hier versammelten Gruppen spiegelt die Vielfalt der Düsseldorfer Stadtgesellschaft wider. Wandel, Zusammenhalt und Lebendigkeit lassen sich in den Bildern ablesen.

Mit jeder Einsendung wächst das Bild von Gemeinschaft bis zum Ende der Ausstellungsdauer weiter. Und auch die Besucher*innen sind Teil einer Gemeinschaft, die im Foto-Spot-Setting spontan festgehalten werden kann.

Community. Fotografie und Gemeinschaft. Ausstellung bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast Düsseldorf

In der Ausstellung vertretene Künstler*innen:

Viktoria Binschtok | Marianne Brandt | Cihan Cakmak | Yvon Chabrovrski | Omar Victor Diop & Lee Shulman | Bogomir Ecker | Mayara Ferrão | Anke Heelemann | Juliane Herrmann | Alfredo Jaar | Andreas Langfeld | Cate Lartey | Lilly Lulay | Ute & Werner Mahler | Ken Ohara | Heinrich Riebesehl | August Sander | Ramona Schacht | Ernst Schieron | Ludwig Schirmer | Richard Sides | Neal Slavin | Giorgio Sommer | Andrzej Steinbach | Marcel Top | Penelope Umbrico | Clemens von Wedemeyer | Amin Yousefi

Weitere Informationen zum umfangreichen Begleitprogramm finden Sie hier: www.kunstpalast.de