HIER UND JETZT im Museum Ludwig

Ausstellung vom 7. Februar bis 8. November 2026

De/Collecting Memories from Turtle Island. HIER UND JETZT. Museum Ludwig. Ausstellung.

Mit der umfangreichsten Pop Art Sammlung außerhalb der USA, ist das Museum Ludwig für seinen Bezug zu den Vereinigten Staaten bekannt – einem Land, das 2026 das 250ste Jahr seiner Unabhängigkeit feiert. Im Zentrum dieser Ausstellung stehen darum zwei zeitgenössische, US-amerikanische Künstlerinnen: Marie Watt und Wendy Red Star.

Die fotografischen Selbstinszenierungen von Wendy Red Star (geb. 1981) greifen auf humorvoll-satirische Weise westliche Vorstellungen von Indigenität auf und laden uns dazu ein, differenzierter hinzuschauen.

De/Collecting Memories from Turtle Island. Wendy Red Star. Museum Ludwig. Ausstellung.

“Ich gehöre zur First Nation der Apsáalooke, ich stamme aus einer bestimmten Gegend, und meine Kunst ist tief in der Geschichte der Apsáalooke verwurzelt. Aber im Museum fungiert ‚Native Artist‘ nicht mehr als Beschreibung – es wird zur Schublade. […] Die Kategorie ‚Native Artist‘ verändert das Kunstwerk, noch bevor jemand es überhaupt zu Gesicht bekommt. […]

Wendy Red Star, The Foe Manuscript (Auszug)

Marie Watt wurde 1967 in Seattle geboren, ist Mitglied der Seneca Nation und lebt heute in Portland, Oregon. In einigen indigenen Traditionen heißen die Amerikas, oder auch die Welt als Ganzes, Turtle Island. Diese individuellen Schöpfungsgeschichten werden von Generation zu Generation mündlich überliefert.

De/Collecting Memories from Turtle Island lädt uns dazu ein, Erinnerungen und gesammelte Bilder, Werke wie mentale Repräsentationen, zu überdenken und zu überschreiben. Ausgangspunkt ist ein 2024 vom Museum Ludwig erworbenes Konvolut kitsch-bunter Fotochrome der Detroit Publishing Company. Viele der um 1900 produzierten Bilder gehen auf frühere Schwarzweißfotografien von William Henry Jackson zurück. Es sind oft die ersten Fotografien aus Gegenden, die heute weltweit als touristische Attraktionen bekannt sind: der Yellowstone Nationalpark etwa, oder der Grand Canyon. Die Fotochrome dienten als Wanddekoration oder Postkartenmotive und wurden in einer Auflage von bis zu sieben Millionen Exemplaren pro Jahr verkauft. Sie zeigen moderne Großstädte und weite Landschaften – auffällig menschenleere Landschaften. Diese an den Rändern der Kunst entstandenen Fotografien prägen das Bild der USA für viele Menschen bis heute.

De/Collecting Memories from Turtle Island. HIER UND JETZT. Museum Ludwig. Ausstellung.

Die Ausstellung setzt da an, wo die Postkartenmotive enden, bei dem, was sie nicht erzählen. Die vermeintlich unberührte Natur war Heimat vieler Menschen und Nationen – lange bevor die ersten Europäer*innen ankamen, Indigene Menschen unterdrückten und vor 250 Jahren die USA gründeten.

De/Collecting Memories from Turtle Island. HIER UND JETZT. Museum Ludwig. Ausstellung.

Die Bilder der Detroit Publishing Company neu zusammenzubringen mit zwei Positionen zeitgenössischer Indigener Künstlerinnen ist ein Versuch, den Blick auf die Konstruktion von Narrativen und das, was sie auslassen, zu schärfen. Es ist die Einladung, sich einzulassen auf multiple Erinnerungen und Vorstellungen von Turtle Island. Die Ausstellung ist Anlass, um die eigene Sammlung um Stimmen und Perspektiven der Indigenen Völker Amerikas zu ergänzen.

De/Collecting Memories from Turtle Island. HIER UND JETZT. Museum Ludwig. Ausstellung.

Marie Watt hat für die Ausstellung im Museum Ludwig eine neue raumgreifende Arbeit entwickelt. Thirteen Moons besteht aus dreizehn hängenden Skulpturen, die sich aus Zinnschellen zusammensetzen. Schellenwolken schweben zwischen Himmel und Erde. Sie klingen nur durch Berührung mit anderen Schellen oder Dingen. Die Skulpturen dürfen berührt werden, die Zinnschellen dürfen in Bewegung versetzt werden und ein Klirren und Rauschen hörbar machen. Thirteen Moons entfaltet eine körperliche, visuelle und auditive Präsenz im Raum. Und sie beziehen sich auf indigene Traditionen.

Die Schellen-Skulpturen sind, wie die Künstlerin schreibt, „eine Hommage an den Jingle-Dress-Tanz, der um 1900, während der Grippepandemie, als Heilungsritual bei den Ojibwe entstand. Die Idee für diesen Tanz kam einem Ältesten im Traum. Als er aufgeführt wurde, so die Vision, wurde ein junges Mädchen, das zu der Zeit krank war, gesund. Der Jingle-Dress-Tanz war auch ein radikaler Akt. Im Jahr 1883 verboten die Vereinigten Staaten traditionelle Versammlungen Indigener Gemeinschaften. Obwohl das Verbot erst 1978 mit dem American Indian Religious Freedom Act aufgehoben wurde, wurde der Jingle-Dress-Tanz während des jahrhundertlangen Verbots mit anderen Völkern geteilt. Heute ist er ein Pow-Wow-Tanz und wird weiterhin mit Heilung in Verbindung gebracht.“ Für die Ausstellung wird Marie Watt mit der Jingle-Dress-Tänzerin Acosia Red Elk zusammenarbeiten. Sie ist Angehörige der Umatilla aus Oregon.

De/Collecting Memories from Turtle Island. Acosia Red Elk. Marie Watt. Museum Ludwig. Ausstellung.
Acosia Red Elk, Marie Watt

Mit De/Collecting Memories from Turtle Island findet 2026 die elfte Ausstellung in der Reihe HIER UND JETZT im Museum Ludwig statt. Mit der Ausstellungsreihe stellt das Museum Ludwig regelmäßig die eigene Arbeit auf den Prüfstand und hinterfragt die gewohnten Wege des Ausstellungsmachens.

Zur Ausstellung erscheint die Publikation HIER UND JETZT im Museum Ludwig 11. De/Collecting Memories from Turtle Island, hrsg. von Santi Grunewald und Miriam Szwast, mit Textbeiträgen von Yilmaz Dziewior, Santi Grunewald und Miriam Szwast, Yolonda Youngs, sowie einem Gespräch zwischen Marie Watt und Acosia Red Elk, Broschur, 14,6 x 21 cm, ca. 140 Seiten, ca. 40 Abbildungen, deutsch/englisch, Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Köln, Euro 15.

Die Ausstellung wird substanziell unterstützt von der Fördergruppe HIER UND JETZT aus dem Kreis der Mitglieder der Gesellschaft für Moderne Kunst am Museum Ludwig e. V.

Zu der Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm. Mehr Informationen darüber finden Sie unter: www.museum-ludwig.de