Frank Gehry und die Cool School

27. Juni 2026 — 10. Januar 2027


Werke aus der Sammlung Schürmann

27. Juni 2026 – 8. November 2026
Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann


Herford trifft Los Angeles: Mit dem umfassenden Projekt Mindset Los Angeles richtet das Marta Herford den Blick auf den Dialog zwischen Kunst und Architektur ausgehend vom frühen Werk des visionären Architekten Frank Gehry in dem von ihm entworfenen Marta Museumsgebäude. Erstmals wird die enge Verbindung von Künstler*innen u. a. der Cool School und Frank Gehry in den Fokus gerückt. Über 150 Werke versammeln heute renommierte Positionen der amerikanischen Nachkriegsavantgarde und eröffnen einen neuen Blick auf die Wechselwirkungen von Kunst und Gehrys frühen Architekturprojekten. Durch Werke aus der Sammlung Schürmann wird der Bogen dieser historischen künstlerischen Ansätze der US-amerikanischen Westküste ergänzt und zudem in die Gegenwart erweitert.


„Frank Gehry hat unfassbar viele Interviews gegeben und sehr vieles gesagt, unter anderem, dass eben damals man unter dem Radar war. Man war eben nicht die Ostküste mit abstraktem Expressionismus, sondern in LA konnte man frei arbeiten. Natürlich war der Wohnraum erschwinglich. Es war auch eine Stadt der Brüche. Einerseits die Hollywood Hills, die Film-und Werbeindustrie, aber auch eben eine Stadt oder auch eine Szene des Aufbruchs, geprägt von der Beat-Generation in der Zeit. Also auch freiheitliches Denken, quasi Vorläufertum der Hippiegeneration danach und gleichzeitig aber auch dieser Spirit. Wir haben einfach uns überlegt, wie nennen wir die Ausstellung, weil es ist nie eine vollständige chronologische Abbildung von etwas, sondern es ist ein assoziatives, kreatives Feld, was wir auch in der Ausstellung eröffnen, aber immer unter der Matrix des Mindset Los Angeles, also sozusagen als Gesinnung, als Plattform dafür und haben das dann so zustande gebracht.“

Kathleen Rahn, Direktorin Marta Herford

Mit Mindset Los Angeles präsentiert das Marta Herford erstmalig ein Ausstellungsprojekt, das Kunst und Architektur als gemeinsame Denk- und Erfahrungsräume begreift. Ausgangspunkt sind Frank Gehrys enge Verbindungen zur Kunstszene der amerikanischen Westküste und deren Einfluss auf sein architektonisches Denken. Dem umfangreichen Projekt Mindset Los Angeles werden die gesamten Ausstellungsflächen des Museums Marta gewidmet: Während Frank Gehry und die Cool School die gemeinsamen Ursprünge und Netzwerke in L.A. sowie Verbindungen des Architekten zu Künstler*innen seiner Zeit beleuchtet, erweitern ausgewählte Werke aus der Sammlung Schürmann die Perspektive um spätere künstlerische Entwicklungen und aktuelle Fragestellungen.

Frank Gehry und die Cool School

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann
Ein Empfang für Künstler, Los Angeles County Museum of Art, 1968

Ende der 1950er Jahre wird mit der legendären Ferus Gallery der Grundstein für eine neue, vibrierende Avantgarde-Szene in Los Angeles gelegt. Um die Galerie von Walter Hopps und Ed Kienholz entsteht ein loser Kreis aus vorwiegend aus L.A. und San Francisco stammenden Künstler*innen. Inspiriert durch die rebellierende Beat-Generation entwickelt sich ein Netzwerk künstlerischer Experimentierfreude. Unter den Künstler*innen befinden sich zahlreiche heute prominente Namen der jüngeren Kunstgeschichte, darunter zentrale Protagonisten der amerikanischen Nachkriegskunst wie Larry Bell, Wallace Berman, Craig Kauffman, Edward Kienholz und Ed Ruscha. In den 1960er Jahren wird diese lose Künstlergemeinschaft von dem Kunstkritiker und Artforum-Herausgeber Philip Leider unter dem Begriff Cool School zusammengefasst. Die Bezeichnung verweist dabei nicht nur auf ihre künstlerische Unabhängigkeit, sondern auch auf eine Form der Selbstinszenierung, die von großem Selbstbewusstsein und einer machohaften Coolness geprägt war.

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann

Gehry, der die Verbindung zwischen Kunst und Architektur bereits seit seinem Studium als Teil seiner DNA beschreibt, wird Teil der pulsierenden Kunstszene. Der Austausch mit den Künstler*innen prägt seine Vorstellung von Architektur nachhaltig. Rückblickend beschreibt er die Offenheit der Szene als entscheidend für seine eigene Entwicklung, „(..)The thinking, the stuff people were talking about and doing (in the Californian Art Scene) (…) led to my own language.“

Die Experimentierfreude, mit alltäglichen Materialien zu arbeiten, die Hinwendung zu neuen Technologien und die Auseinandersetzung mit Oberflächen, Raum, Licht und der Wahrnehmung verbindet Gehry mit den Künstler*innen. Während die etablierte und kommerziell erfolgreiche Kunstszene des Abstrakten Expressionismus an der Ostküste klare Spielregeln vorgibt, wird Los Angeles in dieser Zeit zu einem kreativen Schmelztiegel: Hier, im Schatten Hollywoods, geprägt von belebten Boulevards, der urbanen Infrastruktur mit den mehrspurigen Freeways, der boomenden Automobil- und Luftfahrtindustrie, einer allgegenwärtigen Werbeindustrie und nicht zuletzt das ganz besondere Licht an der Pazifikküste, herrscht die Freiheit für künstlerische Prozesse. Auch die damals noch günstigen Arbeitsräume tragen dazu bei.

Material, Licht und Wahrnehmung

Aus dieser Atmosphäre experimentieren die Künstlerinnen mit technischen Verfahren und industriellen Materialien. Nicht mehr allein das Objekt steht im Mittelpunkt, sondern die Erfahrung von Raum, Licht und Wahrnehmung. Es entstehen die Strömungen Light and Space und Finish Fetish, die aufgrund der besonderen kulturellen und technologischen Bedingungen der Westküste später unter dem Begriff L.A. Look zusammengefasst werden.

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann

Los Angeles ist aber auch Anziehungspunkt für die Künstler*innen der Ostküste. Die (von Gehry gebaute) Druck, Papier- und Editionswerkstatt Gemini wird von zahlreichen Künstler*innen aufgesucht. Gehry faszinieren auf inhaltliche Art die künstlerischen Entwicklungen aus New York, die Ansätze der Minimal Art und Robert Rauschenbergs Assemblagen, die parallel zu seinen Pappkarton-Möbeln entstehen: „This was the time when Rauschenberg and Johns were making art with junk. Donald Judd was making art with galvanized steel, and Carl Andre was putting bricks along the floor. Intellectually I connected with them, and not only because the minimalism fit my liberal tendencies. Despite its matter-of-factness, accessibility, and unpretentiousness, it was high art. It was obvious beautiful, and people were responding to it.“

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann

Zwischen Architektur und Ausstellung

Dieses kreative Umfeld bildet den Ausgangspunkt der Ausstellung. Mit Mindset Los Angeles – Frank Gehry und die Cool School (27. 6. 2026 – 10.1.2027) zeigt das Marta Herford, der jüngsten von Frank Gehry entworfenen Bauskulptur in Deutschland, auch eine Ausstellung über Freundschaften. Zu sehen sind rund 150 Werke der amerikanischen Nachkriegsavantgarde, die für die Ausstellung aus zahlreichen europäischen Museen, Nachlässen und Galerien zusammengetragen wurden sowie ausgewählte frühe Entwurfszeichnungen und Modelle von Frank Gehry aus dem Getty Research Insitute sowie dem Archiv von Gehry Partners in Los Angeles. Auf unmittelbare Weise werden sich mit den Exponaten formale Parallelen und inhaltliche Verwandtschaften zwischen Architektur und bildender Kunst aufgezeigt, gemeinsame Denkansätze und Entwicklungen werden offenbart.

Insgesamt sieben Projekte Gehrys sind in der Ausstellung vertreten, darunter auch sein eigenes Wohnhaus. Die Gehry Residence, die selbst als skulpturaler Baukörper fungiert und den experimentellen Gestaltungswillen Gehrys veranschaulicht, funktioniert als radikale Anwendung von Assemblage: Ein bestehender einfacher Bau im niederländischen Kolonialstil wurde mit Strukturen aus Holz, Metall und Glas erweitert und neu organisiert. Auf diese Weise entwickelt sich das Gebäude zu einem offenen System anstelle eines abgeschlossenen Objekts. „My own house couldn’t be built anywhere but California. It was experimenting with wood and glass and materials that were used here.“ „There was an amazing energy in the city, an openness and a sense that new things were happening.“

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann

Auch das 2005 eröffnete Marta Herford wird in dieser Reihe vorgestellt. In direkter Verwandtschaft zur Gehry Residence und den Prinzipien der Assemblage folgend, ummantelt Museum für zeitgenössische Kunst mit Blick auf Design und Architektur einen Altbau, den Frank Gehry umfassend erweiterte. Das Marta Herford gehört zu den wenigen von Gehry realisierten Museumsbauten und steht in einer Reihe international bedeutender Architekturprojekte seines Werkes, etwa dem Guggenheim Museum Bilbao. Mit seinen organischen Formen, den geschwungenen und kippenden Wänden, mit der Klinkerverkleidung, seinem bewegten Edelstahldach und den Holzpaneelen greift das Marta wesentliche Ansätze Gehrys auf und wird damit ebenfalls Ausdruck seines künstlerischen Denkens.

Durch wichtige Leihgaben aus der Sammlung von Gaby und Wilhelm Schürmann, die seit den 1980er Jahren Kunst der Westküste kaufen, konnte die Ausstellung durch zentrale Positionen der 1970er Jahre aus L.A. erweitert werden. In der Lippold-Galerie werden im Kontext der Ausstellung Mindset Los Angeles ausschließlich Werke aus der Sammlung Schürmann gezeigt, die an die in Los Angeles entwickelten künstlerischen Ansätze anknüpfen und deren Einfluss auf spätere Generationen zeigen.

Im Mittelpunkt steht dabei die raumgreifende Installation The Great See Battles of Wilhelm Schürmann (1994-95) von Jason Rhoades. Themen wie gesellschaftliche Brüche, Spannungen und widersprüchliche Bilder, oft im Kontext der US- amerikanischen (Konsum-) Kultur, definieren den gedanklichen Rahmen für die Werke von Künstler*innen wie Edgar Arceneaux, Sam Durant oder Aura Rosenberg.

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann
Edgar Arceneaux, Drawings of Removal, 1999-2005 / 2025 ff.

Begleitet wird das Ausstellungsprojekt von einem facettenreichen Rahmenprogramm, das die Atmosphäre des Los Angeles der 1960er- und 1970er-Jahre über die Ausstellungsräume hinaus erfahrbar macht. Jeden Sonntag lädt ein kostenfreies, kuratiertes Filmprogramm dazu ein, in die kulturelle und gesellschaftliche Atmosphäre jener Zeit einzutauchen. Gespräche mit Zeitzeug*innen und Expert*innen eröffnen unmittelbare Einblicke. Im Rahmen der beliebten Reihe Stadt und Vision in Zusammenarbeit mit dem Bund Deutscher Architekten OWL finden erstmals exklusive Vorträge zu den Themen der Ausstellungen statt. Vorträge, kuratorische Führungen uvm. sowie vielfältige Vermittlungsangebote für alle Altersgruppen ergänzen das Angebot und bieten weitere Möglichkeiten, das Erlebte zu vertiefen.

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann

Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachiger Katalog (Deutsch/Englisch), herausgegeben vom Marta Herford. Auf 192 Seiten versammelt die Publikation Beiträge von Hunter Drohojowska-Philp, Sylvia L.avin und Ann Kristin Kreisel sowie zwei Interviews von Marcus Herse mit Larry Bell sowie von Kathleen Rahn mit Wilhelm Schürmann. Mit einem Vorwort der Marta-Direktorin, mehr als 200 Abbildungen sowie historischen Dokumenten und Originalzitaten von Frank Gehry. Ende Juli erscheint das Buch beim Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König, Hardcover, 37 Euro (während der Laufzeit im Marta Shop, danach 42 Euro), ISBN 978-3-7533-1042-8.

Künstlerinnen und Künstler

Gehry-Galerien:

John Altoon, Carl Andre, John Baldessari, Larry Bell, Billy Al Bengston, Wallace Berman, John Chamberlain, Judy Chicago, Meg Cranston / John Baldessari, Ronald Davis, Frank Gehry, David Hockney, Robert Irwin, Donald Judd, Craig Kauffman, Corita Kent, Edward Kienholz, Ed Moses, Claes Oldenburg / Coosje van Bruggen, Ken Price, Robert Rauschenberg, Deborah Remington, Ed Ruscha, Richard Serra, Pae White

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann
Edward Kienholz, Night of Nights, 1961

Lippold-Galerie:

Edgar Arceneaux, Sam Durant, Sean Duffy, Richard Hawkins, Jason Rhoades, Aura Rosenberg

Mindset Los Angeles - Frank Gehry und die Cool School - Sammlung Schürmann
Sean Duffy, Kraftwerk, 2005

Weitere Informationen, auch über das Begleitprogramm, erhalten Sie hier: marta-herford.de