Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf vom 25. September 2026 bis 10. Januar 2027.

Welche Rolle spielt Kunst in der Politik – und der Künstler in der Gesellschaft? Kaum jemanden haben diese Fragen so beschäftigt wie Jörg Immendorff (1945-2007). Während er als ebenso gefeierter wie umstrittener „Malerfürst“ ein öffentlichkeitswirksames Image pflegte, setzte er sich zeitlebens mit der politischen, gesellschaftlichen und identitätsstiftenden Funktion von Kunst auseinander. Seine unverkennbare Bildsprache machte ihn Ende des 20. Jahrhunderts zu einem der international erfolgreichsten deutschen Künstler*innen seiner Generation. Mit der ersten umfassenden Retrospektive in Immendorffs Wahlheimatstadt Düsseldorf, wo er jahrzehntelang studierte, lehrte und arbeitete, rückt ihn der Kunstpalast zurück ins Blickfeld. Rund 120 Werke aus fünf Jahrzehnten zeichnen seinen Weg von den Anfängen an der Düsseldorfer Kunstakademie bis zu den letzten im hiesigen Atelier entstandenen Arbeiten nach.


„Jörg Immendorff gehört zu den prägendsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Nachkriegszeit. Umso erstaunlicher ist es, dass sein Werk seit seinem Tod nur vereinzelt museal gezeigt und aufgearbeitet worden ist“, so Felix Krämer, Direktor des Kunstpalastes. „Die Retrospektive eröffnet einen längst überfälligen Blick auf diesen Künstler in seiner ganzen Vielschichtigkeit: als politischer Denker, Kulturvermittler und selbstbewusster Grenzgänger zwischen Hoch- und Populärkultur.”
Die chronologisch aufgebaute Ausstellung vereint Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen sowie Dokumentationen von Immendorffs Aktionen. Ergänzendes Archiv- und Fotomaterial, Skizzen, Schriften und Presseausschnitte vermitteln ein lebendiges Bild seines weit gefassten Kunstverständnisses und seines vielschichtigen Blicks auf die Welt. Immendorffs Auffassung von Kunst als „Menschwerdung” – als Mittel, mit dem der Mensch sein Erleben und seine soziale Rolle erkundet – zieht sich durch die gesamte Präsentation. In seinen Werken verdichten sich persönliche, politische und gesellschaftliche Symbole, Texte und Themen zu komplexen Bildwelten, die um die Rolle des Einzelnen und die Funktion der Kunst in der Gesellschaft kreisen.


„Jörg Immendorff hat von Anfang an darauf hingearbeitet, Kunst gesellschaftlich wirksam zu machen und ihr politisches Potenzial auszuschöpfen”, so Felicity Korn, Sammlungsleiterin für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts im Kunstpalast. Ihre Co-Kuratorin Westrey Page ergänzt: „Die Ausstellung zeigt Jörg Immendorff als jemanden, der sich in diesem Bestreben immer wieder neu erfunden hat – in der konsequenten Weiterentwicklung seiner Bildsprache, seiner interdisziplinären Arbeitsweise und der konstanten Hinterfragung der eigenen Rolle als Künstler.” Für die Ausstellung haben beide Kuratorinnen eng mit dem Nachlass zusammengearbeitet.
Westrey Page (links) und Felicity Korn (rechts)

Frühe Jahre und politischer Aufbruch
Jörg Immendorff wurde 1945, wenige Wochen nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in Bleckede in Niedersachsen geboren und wuchs in einer Zeit tiefigreifender gesellschaftlicher Umbrüche auf. 1963 nahm er, zunächst in der Klasse des Bühnenbildners Teo Otto, sein Studium an der Kunstakademie Düsseldorf auf. Ein Jahr später wechselte er zu Joseph Beuys, der seine künstlerische Entwicklung nachhaltig prägte. Schon früh verstand es Immendorff, sich öffentlichkeitswirksam zu inszenieren. Mitdeninden 1960er-Jahren entstandenen Baby-Bildern, darunter Für alle Lieben der Welt (1966), schuf er eines seiner ersten ikonischen Motive. Vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs wurden die überdimensionalen Säuglinge zu ironisch gebrochenen Sinnbildern des Protests, die Liebe, Frieden und Hoffnung symbolisierten.

Unter dem Eindruck der sozialen Unruhen und Studierendenrevolten gründete Immendorff gemeinsam mit drei Kolleg*innen, darunter die Künstlerin Chris Reinecke, die Initiative LIDL. Das nach einem Baby-Lautklang benannte Projekt setzte sich in erster Linie mit Aktionen sowie darüber hinaus mit Filmvorführungen, Konzerten und Workshops für eine Demokratisierung der Kunst ein und stellte autoritäre Strukturen infrage. Mit der in Düsseldorf und Karlsruhe ausgerufenen LIDL-Akademie als Gegenmodell zu traditionellen Kunsthochschulen erreichte die Initiative ihren Höhepunkt. Die Kunstakademie Düsseldorf wurde in einen Ausnahmezustand versetzt – im Mai 1969 kam es sogar zur vorübergehenden Schließung. Immendorff erhielt ein Hausverbot.

Gesellschaftliche Fragen und internationaler Durchbruch
In den folgenden Jahren verstärkte Jörg Immendorff sein politisches Engagement und stellte seine Kunst zunehmend in dessen Dienst. Die für ihn relevanten Fragestellungen verhandelte er in einer plakativen, comicartigen Bildsprache und brachte sie in Werken wie Wo stehst Du mit Deiner Kunst, Kollege? (1973) auch unmittelbar in Textform zum Ausdruck. Die Arbeiten thematisieren soziale Missstände und zeigen zugleich die Kraft gemeinschaftlichen Handelns auf. In dieser Zeit unterrichtete Immendorff als Kunstlehrer an Düsseldorfer Haupt- und Realschulen.

Mit den großformatigen Café Deutschland-Bildern rückte der Künstler ab Ende der 1970er-Jahre das geteilte Deutschland ins Zentrum seiner Werke. In rund 20 Variationen inszenierte er schummrig beleuchtete Kneipeninterieurs als symbolische Austragungsorte des Ost-West-Konflikts. In Café Deutschland I (1978) reicht Immendorff dem damals in Dresden lebenden Künstler A.R. Penck durch die Deutschland teilende Mauer die Hand – eine Geste der Annäherung in einer Zeit, in der die Wiedervereinigung noch eine Utopie war. Mit der Serie Café Deutschland erlangte Immendorff international erstmals große Aufmerksamkeit. 1982 wurde sein Werk in einer umfangreichen Präsentation in der Kunsthalle Düsseldorf gezeigt. Im selben Jahr nahm er an der documenta 7 in Kassel teil.


Künstlerfigur und Selbstinszenierung
In den 1980er-Jahren trat die politische Dimension von Immendorffs Darstellungen zugunsten einer stärkeren Reflexion seiner eigenen Rolle in der Kunstgeschichte und -welt in den Hintergrund. Parallel dazu übernahm er 1984 in Hamburg St. Pauli die Bar La Paloma, die schnell zu einem beliebten Treffpunkt wurde und seine nach dem Pariser Künstlerlokal benannte Serie Café de Flore inspirierte.

Ab 1985 findet sich ein neues Leitmotiv in seinen Werken, das sein Markenzeichen wurde: der Affe. Damit schuf Immendorff nicht nur eine Karikatur der Künstlerfigur, sondern auch sein bekanntestes Alter Ego, das ihm als kritischer Begleiter und Spiegelbild diente. So sitzt der Affe in einer der ersten Darstellungen Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund (1985) dem Künstler im Atelier wortwörtlich im Rücken und malt als ironisches Korrektiv mit.

Immendorffs Interesse an Aktionsräumen und Formen der (Selbst-) Inszenierung führte ihn in den späten 1980er-Jahren zu seinen künstlerischen Wurzeln, dem Theater, zurück. Er entwarf etwa das Bühnenbild und die Kostüme für eine Aufführung von Richard Strauss’ Oper Elektra in Bremen und für Igor Strawinskys The Rake’s Progress (Der Wüstling) bei den Salzburger Festspielen. Währenddessen entwickelten auch Immendorffs Bilder zunehmend eine bühnenhafte Anmutung. Außerdem blieben die Charaktere der Stücke wichtige Protagonist*innen seiner Bilder und auch sein Spektrum an historischen Bezügen stand unter dem Einfluss der Erfahrungen im Theater.

„Befreiungsschlag“ und Vermächtnis
Ab 1996 konzentrierte sich Jörg Immendorffs Leben auf Düsseldorf, wo er im selben Jahr zum Professor an der Kunstakademie berufen wurde. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau, die bulgarische Künstlerin Oda Jaune, als Studierende in seiner Klasse kennen. Wenig später erhielt er die Diagnose der Nervenkrankheit ALS (Amyotrophe Lateralsklerose). Mit dem zunehmenden Kontrollverlust über seine linke Malhand wechselte er zur rechten Hand und erfand seine Bildsprache grundlegend neu, was er als Befreiungsschlag empfand. Die zuvor dicht komponierten „Wimmelbilder” wichen einer reduzierteren, stärker auf malerische Gesten konzentrierten Formensprache.

Die Diagnose und die Folgen der Krankheit taten Immendorffs künstlerischem Erfolg keinen Abbruch. Um die Jahrtausendwende etablierte er sich durch zahlreiche Ausstellungen, Museumsankäufe und mediale Präsenz als international gefeierter Künstler und schillernde Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Als enger Vertrauter des Bundeskanzlers Gerhard Schröder übernahm er zeitweise die Rolle als Kulturbotschafter, begleitete ihn auf mehreren offiziellen Auslandsreisen und erhielt später den Auftrag für dessen Porträt in der Kanzlergalerie. Gleichzeitig suchte Immendorff in seiner Kunst den Austausch mit einem breiten Publikum und setzte auf zugängliche Formate. Mit Projekten, die die Grenzen zwischen Hoch- und Populärkultur verwischten, sorgte er regelmäßig für Aufmerksamkeit. So schuf er erschwingliche Editionen, die häufig wohltätigen Zwecken dienten, etwa zugunsten der Düsseldorfer Obdachlosenorganisation fiftyfifty. Mit seinem kulturpolitischen Engagement und seiner Medienpräsenz erreichte Immendorft ein Ziel, das ihn seit Beginn seiner Karriere begleitet hatte: Als Künstler nahm er Einfluss auf gesellschaftliche und politische Debatten und fand weit über den Kunstbetrieb hinaus Gehör.

Vor diesem Hintergrund rückte nicht nur sein Werk, sondern auch sein Privatleben in den Blick der Öffentlichkeit. Im Juli 2004 fand in Düsseldorf unter großer medialer Aufmerksamkeit ein Gerichtsprozess statt, indem es um Immendorffs Drogenbesitz ging. Der Fall warf die Frage auf, in welchem Verhältnis das Verhalten von Künstler*innen und die Interpretation ihres Werkes stehen. In Der Beisitzer (2004), das in der Ausstellung zu sehen ist, setzte sich Immendorff mit den persönlichen Auswirkungen der Öffentlichen Debatte auseinander.
Zu diesem Zeitpunkt konnte er Gemälde und Skulpturen aufgrund der zunehmenden gesundheitlichen Einschränkung bereits nicht mehr eigenhändig ausführen. Mithilfe von Vorlagen, Kopien und Schablonen leitete er ein Team von Assistent*innen bei der Umsetzung seiner collageartigen Bilder an. Gleich einer künstlerischen Bestandsaufnahme seines Lebens verdichten sich in ihnen zentrale Motive seines (Euvres und verhandeln existenzielle Themen wie Vergänglichkeit und Transzendenz. Immendorff arbeitete mit ungebrochener Entschlossenheit weiter, bis er am 28. Mai 2007 an den Folgen seiner ALS-Erkrankung starb.

Immendorff heute
„Siegen heißt für mich, ein gutes Bild zu malen”, so Jörg Immendorff im Jahr 2000 in einem Interview mit dem Kunsthistoriker Michael Stoeber, „und wenn das gelingt, siegt man immer, nicht zuletzt über sich selbst.” Die konsequente kritische Selbstbefragung prägte sein gesamtes Werk. Sie eröffnet Besuchenden nicht nur intime Einblicke in Immendorffs Person und in die Zeit, in der er lebte, sondern zeigt auch die produktive Kraft einer Haltung auf, die das eigene Denken und Handeln ebenso hinterfragt wie die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Strukturen.



Fast zwei Jahrzehnte nach Immendorffs Tod ruft die Retrospektive im Kunstpalast einen ebenso bekannten wie oft missverstandenen Künstler ins Bewusstsein zurück, dessen kunsthistorischer Einfluss weit über das Rheinland hinausreichte. Die Ausstellung eröffnet einer neuen Generation den Zugang zum Werk des Düsseldorfer Künstlers und bietet Anlass, dessen aktuelle Relevanz neu zu bewerten.
Weitere Informationen zu der Ausstellung finden Sie unter: www.kunstpalast.de.

