Werke aus der Sammlung Kemp.

Ausstellung vom 15. Oktober 2026 bis 7. Februar 2027.

Von Düsseldorf in die Kunstmetropolen Europas und nach New York: Winfred Gaul (1928-2003) erlebte den Aufbruch der Nachkriegskunst in den 1950er- und 1960er-Jahren aus unmittelbarer Nähe und prägte ihn entscheidend mit. Der Kunstpalast zeigt rund 90 seiner Gemälde und Papierarbeiten aus der 2011 gestifteten Sammlung von Willi Kemp (1927-2020) und bietet damit den ersten umfassenden Überblick seines CEuvres seit rund 20 Jahren. In Düsseldorf verwurzelt, erlangte der zweifache documenta-Teilnehmer früh internationale Anerkennung als einer der wichtigsten Vertreter des deutschen Informel. Doch seine Bedeutung reicht weit darüber hinaus: Mit kompromissloser Wandlungsfähigkeit trug er den Freiheitsanspruch der Strömung über stilistische Grenzen hinaus. Von der freien Geste bis zu streng geometrischen Zeichen entwickelte er stets neue Bildlösungen, deren verbindendes Element die Farbe ist. Die Schau würdigt Winfred Gauls vielseitiges Schaffen und dokumentiert zugleich die jahrzehntelange Freundschaft zwischen Künstler und Sammler.

„Monografische Ausstellungen, die auf einer einzigen Privatsammlung basieren, sind eher selten. Noch ungewöhnlicher istes, wenn eine solche Sammlung einen nahezu vollständigen Blick auf das Gesamtwerk eines Künstlers oder einer Künstlerin ermöglicht”, so Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalastes. „Die Beziehung zwischen Willi Kemp und Winfred Gaul ging weit über eine klassische Sammler-Künstler-Konstellation hinaus und war von einer intensiven wie freundschaftlichen Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Werk und Werdegang geprägt, die es uns heute ermöglicht, Gaulin seiner ganzen Breite vorzustellen.”

Der Düsseldorfer Steuerberater Willi Kemp und seine Ehefrau Ingrid Kemp (1937-1986) begleiteten die künstlerische Entwicklung Winfred Gauls ab 1968, als ihr gemeinsamer Künstlerfreund Karl Otto Götz sie in Düsseldorf miteinander bekannt machte. Ein Jahr später erwarb das Ehepaar Kemp nach einem spontanen Besuch in Gauls Atelier in Genua-Boccadasse, Italien, mit D2 (1969) sein erstes Gemälde des Künstlers.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
D2

Heute befinden sich mehr als 200 Arbeiten von Winfred Gaul aus den Jahren 1955 bis 1997 in der Sammlung Kemp, die insgesamt über 4.000 Werke umfasst. Sie zeichnen dessen Schaffensphasen chronologisch von den spontanen Bildfindungen des Informel über die signalhaften Verkehrszeichen und die Farbfeldmalerei bis hin zur Rückbesinnung auf frühere Ansätze nach. Zusammen mit dem schriftlichen Nachlass des Künstlers gewährt die Sammlung so einen vielschichtigen und umfassenden Zugang zu einer wegweisenden künstlerischen Position ihrer Zeit, die es neu zu entdecken gilt.

Der Rundgang durch die neun Ausstellungsräume zeigt, dass Gauls künstlerische Entwicklung nicht linear verlief, sondern sich in teils parallelen Serien entfaltete, in denen er seine Ansätze kontinuierlich weiterentwickelte.

„Gauls rund fünf Jahrzehnte umfassendes Werk entzieht sich jeder stilistischen Festlegung. Gerade seine Experimentierfreude und Vielseitigkeit machten für Kemp – und auch für uns – einen wesentlichen Reiz daran aus”, so Theres Lubinetzki, Kuratorin der Ausstellung. „Ein innerer Zusammenhang bleibt in seinen Arbeiten dennoch erkennbar: In dessen Zentrum stehen Farbe, Linie, Fläche und Struktur, die stets als eigenständige Größen auftreten.”

In Serien verhandelt Gaul mit wechselnden Mitteln und Werkzeugen die Bedingungen der Bildorganisation und den malerischen Prozess an sich. Das zentrale Thema seiner Kunst beschrieb Winfred Gaulin einem Interview mit dem Kunsthistoriker Rolf Lauter 1986 mit „Malerei als Malerei”. Dieses Thema, so Gaul, umkreise er auf einer spiralförmigen Bahn wie ein Komet: „Mich ihm immer wieder unter einem anderen Winkel nähernd oder mich ihm entfernend, um mich vielleicht nach Jahren wieder zu nähern (mit neuen Erfahrungen).“‚ Seine ästhetischen Fragestellungen verfolgte Gaul ebenso in der Zeichnung und Druckgrafik.

Aufbruch in die Abstraktion

Winfred Gaul wurde 1928 in Düsseldorf geboren, verbrachte aber den Großteil seiner Kindheit und Jugend im damaligen Insterburg (heute Tschernjachowsk, Russland). Als Sechzehnjähriger an die Ostfront eingezogen, wurde er verwundet und geriet in britische Gefangenschaft. 1945 kehrte er in seine Geburtsstadt zurück. Dort legte er das Abitur ab und arbeitete im Atelier eines Bildhauers, bei dem es sich vermutlich um Peter Stammen handelte. 1950 ging er an die Stuttgarter Kunstakademie, um bei Willi Baumeister zu studieren, dem damals einzigen Vertreter der gegenstandslosen Malerei an einer westdeutschen Hochschule.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.

Mit 25 Jahren reiste Winfred Gaul erstmals nach Paris, wo er Einblicke in die lebendige französische Galerieszene bekam und die dort gewonnenen Eindrücke der zeitgenössischen Kunst mit zurück nach Deutschland nahm. Nach seinem Studienabschluss 1953 wandte er sich ausschließlich der ungegenständlichen Kunst zu und setzte sich intensiv mit dem Informel auseinander. Dessen radikale, nicht an feste Kompositionsregeln gebundene Haltung, die den spontanen Malprozess in den Mittelpunkt stellte, wurde zum Ausgangspunkt seiner frühen Malerei. Damit unterschied sich Gaul von vielen seiner älteren Künstlerkolleg*innen, die den Weg von der Gegenständlichkeit zur Abstraktion erst im Laufe ihrer künstlerischen Entwicklung vollzogen.

Informel als Experimentierfeld

In seinen Gemälden experimentierte Winfred Gaul mit dem Farbauftrag und dem Einsatz verschiedener Farbmittel: Mehrere Farbschichten legen sich gewebeartig über die Bildfläche und lockern sich zu den Rändern hin auf. Stellenweise ist die Farbe so dick aufgetragen, dass sich ein leicht erhabenes Relief bildet. Zugleich erweiterte er sein Repertoire über die klassische Ölfarbe hinaus um Dispersions- und Siebdruckfarben oder kombinierte unterschiedliche Malmittel wie Tempera, Tusche und Bleistift in einem Bild. Der Farbauftrag nahm dabei einen zunehmend zeichnerischen und teilweise skripturalen Charakter an. In seiner Reihe Poèmes visibles (dt. „Sichtbare Gedichte”) kamen auch Schriftzeichen zum Einsatz.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
Sichtbares Gedicht

Schon bald feierte Gaul mit diesem Ansatz erste Erfolge: 1955 bezog er sein erstes Atelier in Düsseldorf und stellte fortan regelmäßig mit Zeitgenoss*innen aus, etwa bei der alljährlichen Schau der Gruppe 53 (1956-1959) und in der Galerie 22 in Düsseldorf, die eine der wichtigsten Adressen für informelle Kunst in der jungen Bundesrepublik wurde. 1956 folgte seine erste Einzelausstellung in der Galerie Gurlitt in München, kurz darauf der erste institutionelle Ankauf eines seiner Gemälde durch die Kunsthalle Mannheim. Ende der 1950er-Jahre zählte Winfred Gaulneben Künstlern wie K. O. Götz, Bernard Schultze und Fred Thieler zu den Hauptvertretern der Strömung in Deutschland und erreichte mit Gruppenausstellungen, unter anderem im Musee d’Art Moderne in Paris, in der Galleria Nazionale d’Arte Moderna in Rom und im ICA in London, auch internationale Präsenz. 1959 festigte er diese Position, als er mit dreiinformellen Arbeiten, darunter Couleur et Signification 1 (1958), auf der II. documenta in Kassel vertreten war.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
Couleur et Signification 1

Den ersten Wendepunkt in Gauls Frühwerk bilden seine ab 1959 entstandenen, zunehmend reduzierten und monochromen Wischbilder, bei denen er die Farbe in horizontalen Bewegungen mit Stofflappen auftrug.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.

Die „weiße“ Serie von 1961 markierte den Endpunkt dieser Entwicklung. Die im selben Jahr entstandene Reihe der Oggetti (dt. „Objekte“) löste die informelle Geste durch zentral platzierte geometrische Formen ab und bereitete jene zeichenhafte Bildsprache vor, die Gaul wenig später in seinen Verkehrszeichen und Signalen weiterentwickelte. Den Kerngedanken des Informel – die Ablehnung strikter, inhaltsbestimmender Regeln – behielt der Künstler jedoch weiterhin bei.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
Oggetto Mistico (31-61)

Verkehrszeichen und Signale

Inzwischen war Clement Greenberg, eine wichtige Stimme der US-amerikanischen Kunstkritik, auf Gaul aufmerksam geworden: Nachdem er seine informellen Arbeiten auf der II. documenta gesehen hatte, vermittelte er Gaul eine Einzelausstellung bei dem New Yorker Galeristen Robert Elkon. Während seines viermonatigen Aufenthalts in den USA knüpfte der Düsseldorfer wichtige Kontakte zu Vertreter*innen der amerikanischen Abstraktion, darunter Robert Motherwell und Helen Frankenthaler, Kenneth Noland, Jules Olitski, Barnett Newman, Hans Hofmann und Ad Reinhardt.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.

Kurz nach seiner Rückkehr aus den USA stieß Gaul während eines Aufenthalts in Rom auf ein Motiv, das ihn zu einer neuen Bildsprache inspirierte: die reduzierte Ästhetik und pragnante Farbigkeit von Verkehrszeichen. In der Werkgruppe der Verkehrszeichen und Signale überführte er deren geometrische Formen und universelle Ikonografie in die Malerei. Anstatt real existierende Schilder zu kopieren, entwickelte er aus ihren formalen Elementen ein eigenständiges Zeichensystem, das erin immer neuen Kombinationen und Varlationen – zunächst auf Millimeterpapier, dann auf der Leinwand – erprobte. Während zuvor die Geste und der sichtbare Malprozess seine Arbeiten prägten, trat nun die persönliche Handschrift des Künstlers bewusst zurück. Die Kreise, Dreiecke, Quadrate und Rechtecke sollten für sich wirken und ihre Bedeutung aus ihrem Zusammenspiel auf der Bildfläche gewinnen.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.

Losgelöst aus einem urbanen Umfeld sorgen Gauls Verkehrszeichen im Ausstellungsraum für Irritation: Sie suggerieren einen Handlungsimpuls, bleiben jedoch ohne konkrete Botschaft und lenken den Blick damit auf ihre Gestaltung. 1962 übertrug Gaul dieses Prinzip erstmals in den öffentlichen Raum und installierte ein 300 x 360 Zentimeter großes Verkehrszeichen an der Autobahn zwischen Mailand und Monza. Weitere Interventionen folgten auf den Straßen von Berlin, Neuenkirchen, Assenede in Flandern und Monschau. In diesem Zusammenhang löste Gaul zum Teil auch die klassisch rechteckige Bildform auf und entwickelte in Serien wie Sex-a-gon sechseckige Shaped Canvases.

Hommages, Markierungen und Spätwerk

Anfang der 1970er-Jahre verortete sich Gaulin der Tradition der Wegbereiter*innen der Farbfeldmalerei. In der Serie Hommages untersuchte er Konzepte von Künstlern wie Mark Rothko, Kasimir Malewitsch und Richard Paul Lohse, die sein Werk nachhaltig geprägt hatten, und überführte sie in seine eigene malerische Praxis. Ab 1972 konzentrierte er sich in der Serie Markierungen auf reduzierte Linien und Farbflächen, wobei der Malgrund in seiner natürlichen Farbigkeit sichtbar blieb. Schnell trocknende Dispersionsfarbe ersetzte die traditionelle Olfarbe. Gerade in der Beschränkung auf wenige Mittel eröffnete sich ihm erneut ein großes Spektrum an formalen Variations- und Kombinationsmöglichkeiten: Während bei den Zeichenmarkierungen klare Linien im Vordergrund stehen, prägen bei den Farbmarkierungen malerisch entfaltete Streifen die Komposition.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
Markierungen XX (links), Hommage à Lohse (rechts)

Mit einer Auswahl dieser Serie, darunter das Gemälde 5-75 (1974) aus der Sammlung Kemp, war Gaul 1977 zum zweiten Mal auf der documenta 6 in Kassel vertreten. Gemeinsam mit Gotthard Graubner, Carmengloria Morales und Louis Cane wurden seine Arbeiten dort in der Sektion der analytischen Malerei gezeigt. Diese richtete den Blick nicht nach außen, sondern, wie auch Gaul, auf die Malerei und ihre Entstehungsbedingungen selbst.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
5-75

Ab den 1980er-Jahren prägte der Rückgriff auf frühere Werkphasen und Serien wie die der Farbmarkierungen, Signal-Bilder und Shaped Canvases Gauls Arbeit. In seiner Recycling-Serie zeigt sich die Wiederaufnahme und Abwandlung des Vertrauten gleich doppelt: im wiederverwendeten Bildträger, für den er etwa Wellpappe nutzte, ebenso wie im Motiv, in dem er seine Farbfeldmalerei unter veränderten Bedingungen neu interpretierte. In Zeichnungen wie 3-8-84-10 (1984) knüpfte er an seine frühen gestischen Gemälde an und legte den Entstehungsprozess des Bildes durch sich überlagernde Ölkreidespuren offen.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
21-9-84-1 (links), 3-8-84-10 (rechts)

Auch in seiner Auseinandersetzung mit Claude Monet griff Gaul auf seine Hommages-Serie zurück und untersuchte das Zusammenspiel mehrerer Farbfelder. Durch Titel wie C. Monet am Orinoko (1988) oder C. Monet in Arizona (1988) versetzte er den Künstler dabei in imaginierte geografische Kontexte.

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.
5-88, C. Monet am Orinoko (oben links), 47-88, C. Monet in Arizona (rechts)

Die Auseinandersetzung mit Farbe und Linie blieb bis zuletzt Motivation und Ausgangspunkt seiner künstlerischen Praxis. Im Zusammenspiel der verschiedenen Werkphasen eröffnet die Ausstellung Besucher*innen einen Blick darauf, wie Gaul die Möglichkeiten der Malerei in bemerkenswerter Tiefe und Breite immer wieder neu auslotete und die Eigenständigkeit des Mediums unter den veränderten Bedingungen der Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts behauptete.

Weitere Informationen zur Ausstellung und zum Begleitprogramm: www.kunstpalast.de

Winfred Gaul. Werke aus der Sammlung Kemp. Kunstpalast Düsseldorf.