Tina Blau – Eine Impressionistin aus Wien.


Ausstellung vom 12. Juli bis 1. November 2026.

Mit rund 40 Leihgaben aus den großen Wiener Museen sowie aus weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen widmet sich die Ausstellung dem Leben und künstlerischen Werk der Malerin Tina Blau (Wien, 1845 – Wien, 1916), die zu den bedeutendsten Künstlerinnen Österreichs zählt. Obwohl sie zu Lebzeiten sehr erfolgreich war, an internationalen Ausstellungen teilnahm und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, ist Tina Blau heute außerhalb ihrer Heimat nahezu unbekannt. Das Kunstmuseum Ahlen zeigt in Kooperation mit dem Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern nun erstmals eine museale Präsentation dieser außergewöhnlichen Künstlerin in Deutschland.

Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen

Tina Blau gilt in Österreich als wichtige Protagonistin der Moderne. Bereits ihr modern klingender Künstlername zeugt von einer selbstbewussten Haltung, die für Frauen im 19. Jahrhundert keineswegs selbstverständlich war. Der berufsmäßigen Ausübung der Malerei standen zu Tina Blaus Zeit vielfältige gesellschaftliche und fachliche Vorurteile und Schranken entgegen. Regina Leopoldine Blau, die 1845 in einer bürgerlichen jüdischen Familie in Wien zur Welt kam, hatte das Glück, dass ihr Vater ihr künstlerisches Interesse unterstützte. Bereits in Jugendjahren erhielt sie Privatunterricht u.a. bei Lehrern wie Antal Hanély und August Schaeffer, die ihre Liebe zur Natur und zur Landschaftsmalerei förderten. Zeitgleich mit den französischen Impressionisten malt die junge Künstlerin von Anfang an im Freien, direkt vor dem Motiv. Ihre Bilder zeugen von einer genauen Beobachtung atmosphärischer Lichterscheinungen und einem unverstellten Blick auf das zeitgenössische Leben und die Umbrüche ihrer Zeit.

Im Eingangsraum steht mit „Apriltag im Prater“ (1889) aus der Sammlung des Museums Pfalzgalerie Kaiserslautern ein prominentes Bild der Künstlerin im Zentrum. Es führt mit seiner kontrastreichen Farbigkeit und lebhaften Hell-Dunkel-Zonen unter den Bäumen wesentliche Merkmale des reifen Malstils von Tina Blau vor Augen. Eine vergleichbare, allerdings in ihrem Format sehr anspruchsvolle Praterlandschaft war Anlass für Tina Blaus Einladung durch den französischen Kulturminister Antonin Proust zum Pariser Salon von 1883, wo das Gemälde mit dem „Mention honorable“ ausgezeichnet wurde.

Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen
Tina Blau, Apriltag im Prater

Kleinere Parklandschaften und Wiener Ansichten vermitteln einen Eindruck von Tina Blaus Motiven und ihrer impressionistischen Malweise, die mit zügigen, zum Teil locker bewegtem Farbauftrag die Stimmung und das alltägliche Geschehen an diesen Schauplätzen festhält.

Der Rundgang der Ausstellung folgt wichtigen Lebensabschnitten der Künstlerin. Er beginnt mit frühen Werken aus den 1870er Jahren, als Tina Blau bereits auf erste Erfolge zurückblickt. Seit 1867 ist die junge Künstlerin auf wichtigen Ausstellungen in Wien vertreten und finanziert sich 1869 von einem ersten Verkaufserlös die Reise zur 1. Internationalen Kunstausstellung im Münchner Glaspalast. Sie bleibt in München und nimmt bei dem späteren Akademielehrer Wilhelm Lindenschmit Unterricht. Ein Interieur aus dem Jahr 1872 mit zartem Lichtspiel auf einer von der Sonne beschienenen Zimmerwand zeigt vermutlich einen Ausschnitt ihres Münchner Ateliers.

In den Sommermonaten malt sie mit dem befreundeten Emil Jakob Schindler und seinem Malerkreis im Wiener Umland. Neben idyllischen Naturlandschaften interessiert sich Tina Blau für Orte, an denen sich die Landschaften durch Baumaßnahmen oder die voranschreitende Industrialisierung verändern. Mit Schindler, mit dem sie von 1874 bis 1877 ein Atelier im Wiener Prater teilt, unternimmt Tina Blau 1873/74 eine erste Studienreise nach Ungarn. „Donaulandschaft bei Szobb“ (1874), zeigt eindrucksvoll eine durch Wegverläufe und Lichtführung gestaltete Tiefenräumlichkeit, die viele Bilder von Tina Blau auszeichnen.

Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen

Stimmungsvolle Stadtansichten und Landschaften entstehen auf weiteren Reisen in die Niederlande und nach Italien. Hier findet Tina Blau immer wieder neue Motive und Lichtverhältnisse, die sie als Freilichtmalerin reizen. Sie fertigt Skizzen im Freien an und gibt Landschaftsfotografien in Auftrag, um später im Atelier danach zu arbeiten. Das südliche Licht in Italien hellt ihre Farbpalette auf. Antike Stätten in Rom und kleine von Spaziergängern belebte Gassen in Venedig sind in helles Sommerlicht getaucht.

Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen
Tina Blau, Gasse in Venedig, um 1879

Ein Kabinett mit Stadtansichten aus den Wiener Vororten, in denen Menschen ihren alltäglichen Beschäftigungen nachgehen, dokumentieren Tina Blaus Interesse für die Randgebiete der Stadt. Am Horizont erscheinen oftmals rauchende Schlote. Es sind Zeichen einer modernen durch die Industrialisierung sich verändernden Lebenswelt, die zeitgleich bei den französischen Impressionisten Eingang in die Kunst fanden.

Die Räume im Obergeschoss der Ausstellung widmen sich Tina Blaus zweiter Lebenshälfte. Ein weiteres Mal verlagert sich ihr Lebensmittelpunkt nach München, wo sie nach der Heirat mit dem Münchner Maler Heinrich Lang von 1884 bis 1894 lebt. Es sind sehr erfolgreiche Jahre für die Künstlerin. Sie nimmt an den Weltausstellungen in Antwerpen (1885) und Paris (1889) teil. Im Münchener Kunstverein hat sie 1890 eine große Einzelausstellung mit rund 60 Werken, die in weiteren großen deutschen Städten gezeigt wird und sie in Deutschland bekannt macht.

In München beginnt Tina Blaus Lehrtätigkeit an der 1887 gegründeten Damenakademie des Münchner Künstlerinnenvereins. Als Künstlerin, die selbst noch vom akademischen Unterricht ausgeschlossen war, setzt sich Tina Blau für eine professionelle Ausbildung von Frauen ein. In den Sommermonaten zieht sie mit ihren Schülerinnnen ins Freie und malt im Dachauer Moos oder in Seebrück am Chiemsee. Als sie nach dem frühen Tod ihres Mannes nach Wien zurückkehrt, unterrichtet sie dort an der 1894 gegründeten Kunstschule für Frauen und Mädchen bis 1915 Stillleben und Landschaftsmalerei. Mit Werken von Ida Gerhardi (1862–1927), Ida Giesecke (1866– 1942) und Käthe Kollwitz (geb. Schmid, 1867–1945) wird Tina Blaus Lehrtätigkeit in der Ausstellung anschaulich. Die in Lüdenscheid geborene Ida Gerhardi ist besonders mit Westfalen verbunden und hier bekannt.

Käthe Kollwitz. Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen

Tina Blaus um die Jahrhundertwende entstandene Gemälde und Ölstudien zeigen wechselnde, neben sonnigen auch melancholisch herbstliche Wetterstimmungen. Ihr Farbautrag entfaltet in einigen Bildern eine sehr frei gesetzte bewegte Struktur. Nach wie vor geht die Künstlerin viel auf Reisen. Sie malt in Tirol, in Norditalien am Gardasee oder in den Niederlanden. In Wien widmet sich Tina Blau weiterhin der Landschaft des Wiener Praters, wo sie seit 1874 ihr Atelier hat. Bis ins hohe Alter hinein zieht sie zu jeder Jahreszeit mit einem umgebauten Kinderwagen in die angrenzende Parklandschaft. Das ehemalige königliche Jagdrevier im Zentrum von Wien, das 1766 für die Stadtgesellschaft geöffnet wurde, bleibt bis zu ihrem Tod im Jahr 1916 ihr Lieblingsort und wichtigste Inspirationsquelle.

Der Ausflug ins 19. Jahrhundert verbindet sich im Kunstmuseum Ahlen mit zeitgenössischen Arbeiten von Rosa M Hessling, die auch in der Sammlung des Museums vertreten ist. Als „Gärtnerin des Lichts“ zeigt Rosa M Hessling eindrucksvolle leuchtfarbige Arbeiten, die sie aus speziellen Pigmenten auf unterschiedlichen Bildträgern entwickelt. Die Künstlerin, die in Zell/Mosel ihr Atelier hat, lässt sich dabei von der Flusslandschaft inspirieren, von Wasserspiegelungen und – reflexionen. Rosa M Hesslings direkte Auseinandersetzung mit der Natur und den hier beobachtbaren Lichterscheinungen verbindet sie mit ihrer Kollegin aus Wien. Ihre in Nachbarschaft der historischen Gemälde gesetzten Arbeiten, entwickeln abhängig vom Lichteinfall und Betrachterstandpunkt eine reiche changierende Farbigkeit und entfalten eine berührende Form der Lichtmalerei.

Historische Fotos aus den Wiener Archiven sowie zwei Filme – ein 1906 gedrehter Film „Eine Fahrt durch Wien“ aus dem Filmarchiv Austria und ein Auschnitt aus dem Dokumentarfilm „Frauenbilder – Gegenbilder: Die Künstlerinnen der Wiener Moderne“, 2018, von Barbara Weissenbeck, ORF – veranschaulichen im Rundgang wichtige Lebensstationen von Tina Blau.

Rosa M Hessling. Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen

Zur Ausstellung ist ein umfangreicher, über 200 Seiten starker Katalog mit zahlreichen Abbildungen und Beiträgen von insgesamt neun Autor*innen aus Österreich und Deutschland erschienen. Er beleuchtet Leben und Werk von Tina Blau, die Position ihrer Kunst im Kontext der europäischen Moderne und bietet Einblicke in die Arbeit der zeitgenössischen Künstler*innen, die in der Ausstellung einen Bogen in die Gegenwart spannen. Vor Ort an der Museumskasse ist er in Ahlen zum Sonderpreis von 34 € erhältlich, auf Bestellung und im Buchhandel kostet er 42 €.

Rosa M Hessling. Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen
Dr. Martina Padberg. Tina Blau - Im Freien - Kunstmuseum Ahlen

Neben Sonderführungen wie „Rosa trifft Blau“ mit Kuratorin Dr. Martina Padberg (links im Bild zu sehen) und Rosa M Hessling und vielen kreativen Angeboten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die künstlerische Impulse aus der Ausstellung aufgreifen, bietet das Begleitprogramm spannende Abendveranstaltungen.

Passend zum „Tag des Kaffees“ am 1. Oktober entführt ein Kölner Künstlerduo „Ins Kaffeehaus“ und läßt Besucher*innen literarisch und musikalisch in ein Stück Wiener Lebeskultur eintauchen. Eine Autorinnenlesung mit der Historikerin Dr. Kerstin Wolff beleuchtet die Geschichte starker Frauen von der Antike bis zur Gegenwart und mit unserer Teilnahme an „Bei Anruf Kultur“ führen wir barrierefrei am Telefon zu den Highlights der Ausstellung.

Weitere Informatione erhalten Sie unter: www.kunstmuseum-ahlen.de.

Jeden Sonntag um 12 Uhr findet eine öffentliche Führung statt. Wegen eines zu erwartenden hohen Besucherinteresses hat das Kunstmuseum Ahlen die Öffnungszeiten erweitert und öffnet die Ausstellung nicht nur sonntags sondern auch samstags um 11 Uhr.

Damit Sie auch wirklich alle Details kennenlernen, habe ich mit den entsprechenden Texten eine Fologalerie gestaltet (bitte anklicken):