Drei Ausstellungen nehmen Bezug auf experimentelle Kunst im Soest des Jahres 1969.
Das Museum Wilhelm Morgner mit Raum Schroth blickt zurück.

Das Museum Wilhelm Morgner zeigt ab Sonntag, 31. Mai 2026, drei neue Ausstellungen, die eng miteinander verwoben sind und ihren Ausgangspunkt im Jahr 1969 nehmen: 1969 entschied sich Soest, den städtischen Kunstpreis zu erneuern. Unter der Federführung des Künstlers Günter Drebusch entstand in der Nachkriegs-BRD der erste Kunstpreis, der dezidiert der „experimentellen Kunst“ gewidmet war.



34 junge Künstlerinnen und Künstler wurden von einer Jury in das damalige Wilhelm Morgner-Haus zu der Ausstellung eingeladen: Hartmut Böhm, Blinky Palermo, Hans Haacke, Joachim Bandau, Timm Ulrichs und viele mehr. Shootingstars, die neue Kunstformen erkundeten und bestehende Erwartungen brachen. Die überregionale Presse überschlug sich: „Das ist kein Experiment mehr, […] das ist gelinde gesagt ein Skandal“, konnte man kurz nach der Eröffnung im Soester Anzeiger lesen.
Die Künstlerin Renate Weh gewann den mit 5.000 DM dotierten Wilhelm Morgner-Preis für experimentelle Kunst, erfuhr deutschlandweite Aufmerksamkeit und einen Karriereschub. Sie hatte zwei Leitern „eingesiebt“: Quarzsand rieselte durch ein Sieb und zuckerte die Leitern wie Schnee. Die stille, doch radikale Werksprache der Künstlerin brachte die weniger experimentierfreudigen Gemüter zum Überkochen: Zu neu, zu anders, zu alltäglich – und „der“ Gewinner zu weiblich? Renate Weh war die einzige beteiligte Künstlerin. Die Ablehnung, die ihr progressives Schaffen insgesamt erfuhr, galt immer wieder auch ihrem Geschlecht. „Erdkunst auf Hausfrauenart“, spöttelte beispielsweise die Süddeutsche Zeitung.

Anlässlich „10 Jahre Museum Wilhelm Morgner mit Raum Schroth“ blicken die drei Ausstellungsprojekte in die eigene Ausstellungsgeschichte der Nachkriegszeit. EXPERIMENT ’69 gibt einen Einblick in den skandalumwitterten Kunstpreis 1969. Es gelang, einen Teil der damals gezeigten Werke und Positionen erneut nach Soest einzuladen. Dokumente des Stadt- und WDR-Archivs führen in die experimentelle Aufbruchstimmung Ende der 1960er ein.



Die Retrospektive RENATE WEH: WELCOME BACK! ist die erste museale Ausstellung der Künstlerin Renate Weh seit den 1970er Jahren. Dank der Leihgaben aus dem Künstler:innenarchiv der Stiftung Kunstfonds sind alle zentralen Werkphasen Wehs zu entdecken: „Einsiebungen“, „Eintauchungen“, „Einkleidungen“. In einer Gegenwart, in der die Digitalisierung die Fragen des Materials virulent werden lässt, ist ihr experimenteller Materialumgang mit Textilem, Wachs oder Sand von ungebrochenem Interesse und eine echte Wiederentdeckung – welcome back!

I’M CALLING, eine Ausstellung progressiver Videokunst, schließt eine Lücke und spannt den Bogen bis in die Gegenwart. Bei dem Kunstpreis 1969 war keine Video-Position vertreten. Die damals neu entstehende Kunstform machte gerade in den USA von sich reden und verdankt v. a. Künstlerinnen entscheidende Entwicklungsschübe. Mit „Spiral Jetty“ von Robert Smithson ist nicht nur eine wichtige Arbeit der Kunstgeschichte aus dem Jahr 1969/1970 zu sehen. Smithson und Renate Weh stellten in den 1970ern in Gruppenausstellungen bereits zusammen aus. I’M CALLING legt den Schwerpunkt auf experimentelle, körperbasierte Videoperformances. Videoarbeiten von Pionierinnen und Pionieren wie Ulay / Marina Abramović, VALIE EXPORT oder Ulrike Rosenbach begegnen zeitgenössischen Arbeiten von Louisa Clement, Emma Hoette, Phoebe Collings-James oder Marianna Simnett. Im Dialog mit den fordernden Werken von Renate Weh führt die Ausstellung in existenzielle Tiefen und bildet eine Bass-Spur zwischen Leben und Tod, „Einwachsung“ und Befreiung.

Alle drei Ausstellungen sind bis zum 16. August im Museum Wilhelm Morgner mit Raum Schroth zu sehen. Der Eintritt zur Eröffnung am 31. Mai um 11 Uhr ist frei.
Rahmenprogramm
Sonntag, 31.05.2026, 13 bis 18 Uhr: 10 Jahre Museum Wilhelm Morgner mit Raum Schroth. WIR FEIERN, Eintritt frei
Sonntag, 07.06.2026, 12 Uhr: „1× Alles bitte“, Museumstour mit Michael Stockhausen, Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Donnerstag, 18.06.2026, 18.30 Uhr: „Zwischen Atelier, Nachlass und Museum“, Der Weg von Weh ins „Künstler:innenarchiv“, Abendvortrag mit Anna Wondrak, Leiterin des „Künstler:innenarchivs“ der Stiftung Kunstfonds, Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Samstag, 04.07.2026, 11 bis 13 Uhr: „Jung und wild“, Kunstworkshop für Kinder von 6 bis 14 Jahre, Teilnahem 3 Euro
Dienstag, 07.07.2026, 18.30 Uhr: „Wer schreibt Kunstgeschichte?“, Presse, Macht und die Marginalisierung von Renate Weh, Abendsgespräch mit Elke Gruhn, Kunstwissenschaftlerin, Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Sonntag, 19.07.2026, 12 Uhr: „Kunstpreise, ein anti-/demokratisches Format?“, Diskussion zu Sinn und Unsinn von Kunstpreisen, Eintritt frei
Sonntag, 26.07.2026, 15 UHR: „Verdichtet“, Museumstour mit Juliane Rogge, Teilnahme 10 Euro, ermäßigt 6 Euro
Freitag, 31.07.2026, ab 20 Uhr: „Langer Abend der Videokunst“ mit einem Getränk, Eintritt 7 Euro, ermäßigt 5 Euro, Schülerinnen und Schüler frei
Sonntag, 16.08.2026, 12 Uhr, „1× Alles bitte“, Museumstour mit Michael Stockhausen, Eintritt 5 Euro, ermäßigt 3 Euro
Weitere Infos finden Sie hier: www.museum-wilhelm-morgner.de

