Wo Industrie Geschichte schreibt.
Sonderausstellung im Sauerland-Museum vom 19. Juni 2026 bis 4. April 2027.

Ausführen, umsetzen, herstellen: Das machen die Sauerländer seit jeher – dabei lassen sie sich auch nicht von widrigen Umständen aufhalten. Im 19. Jahrhundert bringt Südwestfalen alles mit, um von der industriellen Revolution zu profitieren: Reichlich Bodenschätze, Wasser und Wald. Der Hemmschuh ist die fehlende Eisenbahnverbindung, denn ohne diese kommt keine Kohle aus dem Ruhrgebiet in die Berge, Wälder und Täler entlang der Flussläufe im südöstlichen Westfalen – und die Waren kommen auch nicht an die Märkte. Trotz Gewerbefreiheit gerät die industrielle Entwicklung ins Stocken, bis sich findige Unternehmer und ambitionierte Tüftler zusammenfinden, um 1851 gemeinsam mit Politik und Verwaltung die Handelskammer zu Arnsberg zu begründen. Mit der Gründung der Handelskammer am 11. Juni 1851 war auch der Anlass für diese Sonderausstellung entstanden – 175 Jahre IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland.

Politik, Verwaltung und Unternehmer machen fortan der Entwicklung Dampf: 1872 fährt die erste Eisenbahn durch das Ruhrtal und legt damit den Grundstein für die weitere Industrialisierung, Firmengründungen und wirtschaftliche Prosperität.

Zu den Ursprüngen dieser Entwicklung und der daraus entstehenden besonderen Unternehmenskultur entlang von Hellweg, Ruhr und Lenne entführt das Sauerland-Museum mit einem Blick auf 200 Jahre Industriegeschichte und das Land der „Hidden Champions“: Willkommen im „Macherland“!
Zur Ausstellung
Ausgehend von den vorindustriellen Bedingungen in einem Land voller Bodenschätze und natürlicher Ressourcen untersucht die Ausstellung, wie Unternehmen und ihre Arbeitskräfte in unserer Region einen anderen Weg der Industrialisierung beschreiten oder aber auch beschreiten müssen, um voranzukommen. Im Schatten der schwerindustriellen Entwicklung in den Ballungsräumen entlang von Rhein, Ruhr und Wupper spielen immerhin Wasser- und Ressourcenreichtum der Region eine entscheidende Rolle, insbesondere dank der Talsperren. Die Gründer und Macher im Sauerland ergehen sich aber zwangsläufig im unternehmerischen Klein-Klein spezialisierter, teils kleiner Produktionsmengen auf Grundlage großer Handwerkskunst und Erfindungsgeistes – und dabei verkaufen sie ihre Ware traditionell weiter fußläufig und von Tür zu Tür. So zieht der eigentliche industrielle Aufschwung erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Südwestfalen ein, denn nun haben die Firmen alles, was die Menschen der Wirtschaftswunderjahre brauchen – oder sie erfinden es einfach.


Heute stehen 165 mittelständische Unternehmen als sogenannte „Hidden Champions“ aus Südwestfalen und 57 Weltmarktführer allein im Kammergebiet der IHK für die bundesweite industrielle Bedeutung der Region mit Weltmarktführungsanspruch. Ausgangspunkt dieser wirtschaftlichen Blüte ist einerseits die besondere westfälische Unternehmenskultur der vielen mittelständischen Familienunternehmen, andererseits die stark handwerklich geprägte Bevölkerung mit ihrer Findigkeit, Tüftelneigung und ihrem Improvisationstalent. Daraus entstehen Markenprodukte von Weltrang sowie zahllose innovative und insbesondere nachhaltige Lösungen für Mensch, Umwelt und Wirtschaft.


Die Ausstellung zeigt spannende Objekte aus der Geschichte der heimischen Unternehmen und über die Menschen, die dort arbeiteten. Dazu gehören herausragende Entwicklungen, bahnbrechende Produkte und unterhaltsame Dokumente, Fotos und Medien zu Arbeit, Alltag und Kulturgeschichte der Wirtschaft.



Dabei gelingt es dem Sauerland-Museum, maßgebliche Artefakte zur (früh-)industriellen Entwicklung der Region zusammenzutragen wie zum Beispiel ein Federhammer aus einem westfälischen Hammerwerk, ein Webstuhl aus der Heimarbeit oder eine Drehmaschine der Firma Oventrop. Jedoch legt die Ausstellung auch einen Schwerpunkt auf die Darstellung industrieller Antriebskräfte: Ein nachgebildeter Kohlenmeiler erläutert die Bedeutung der Holzkohle für frühe Schmieden und Hütten, ein Ausflug in das Mühlenwesen unterstreicht die Bedeutung der Wasserkraft für die Industrie und schließlich zeigt ein Exponat die Kraftübertragung über Transmissionsriemen, um auf die Auswirkung der industriellen Revolution durch Dampfkraft hinzuweisen.

„Doch das ist längst nicht alles“, weiß Museumsleiter Dr. Oliver Schmidt, „denn zu den vielen Unternehmen, die im 19. Jahrhundert entstanden, gehören auch die vielen einfachen und ausgebildeten Facharbeitskräfte, die als Belegschaften die Erzeugnisse fertigten, entwickelten und verkauften.“
Fünf Medienstationen beleuchten die Rolle der IHK auf dem industriellen Werdegang der Region. An zehn Branchen verdeutlicht die Ausstellung die vielen Entwicklungswege maßgeblicher Unternehmen und ihrer Produkte vom Motorrad über den Kleinschnittger bis zur Achterbahnkette.

Ein besonderes Highlight speziell für jüngere Besucher ist Roboter „Lumi“, die im großen Ausstellungsraum „Westfalen“ zu einer Führung auf besondere Weise einlädt (siehe auch oben das Video). Lumi fährt von Station zu Station und erklärt den kleinen und großen Besuchern Einzelheiten zu den ausgestellten Objekten.

Neben diesem Interaktionsroboter umfasst die Ausstellung weitere spielerische Medienstationen und aktivierende Elemente, die an Science-Centre-Exponate erinnern und sich speziell an Familien mit Kindern richten.
Konzipiert wird die Ausstellung gemeinsam mit dem Gestaltungsbüro Südstudio aus Stuttgart und ist geprägt von einem klaren und industriellen Stil, der die Exponate bewusst in den Mittelpunkt rückt.
Förderer
Die Ausstellung wird anlässlich ihres 175-jährigen Bestehens von der IHK Arnsberg, Hellweg-Sauerland gesponsert und von der LWL-Kulturstiftung gefördert.

„Erneut beleuchtet das Sauerland-Museum mit „Macherland“ ein gesellschaftsrelevantes Thema – den industriellen Wandel aus regionaler Perspektive, verknüpft im Begleitprogramm mit aktuellem Zeitgeschehen. Durch diesen Ansatz kann kulturelles historisches Erbe zur Basis für neue Perspektiven auf heutige Diskurse werden“, erläutert Dr. Georg Lunemann, der Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe und Vorstandsvorsitzender der LWL-Kulturstiftung. Nach den Ausstellungen zur Hexenverfolgung und Demokratiegeschichte fördert die LWL-Kulturstiftung das Sauerland-Museum zum dritten Mal und unterstützt das Projekt mit 75.000 Euro. „Die Ausstellung erzählt von Menschen, die mit Mut zur Innovation und besonderer Verbundenheit zu Südwestfalen den technischen Fortschritt prägten – diese Kraft ist Motor für unser Leben heute und morgen“, so Lunemann weiter.“
Archivfoto NRW-ist-schön.de – Dr. Georg Lunemann

Vermittlungsprogramme für Schulen
Für alle Schulformen und Jahrgangsstufen bietet das Museum ein umfangreiches Vermittlungsprogramm an. Junge Schüler entdecken, wie Erz, Holz und Wasser das Sauerland zu einer Industrieregion gemacht haben. Jugendliche und erwachsene Schüler erforschen, was viele Sauerländer Familienunternehmen zu „Hidden Champions“ gemacht hat. Sie lernen zudem die bedeutenden heimischen Wirtschaftszweige kennen und entwickeln Zukunftsszenarien.
Und auch die ganz jungen Besucher werden nicht vergessen. Klangdetektive entdecken im Macherland die Geräusche der Arbeit und finden damit einen eher spielerischen Zugang zur Ausstellung. Dr. Ulrike Schowe, stellvertretende Museumsleiterin, verantwortet die Konzeption der Programme: „Als außerschulischer Lernort möchten wir mit unseren Vermittungsprogrammen den Schülerinnen und Schülern die heimische Wirtschafts- und Kulturgeschichte plastisch näher bringen.“


Rahmenprogramm
Besonders im Rahmenprogramm werden die Auswirkungen gegenwärtiger Krisen und künftiger Entwicklungen von Wirtschaft und Arbeit als zentrale Säulen des gesellschaftlichen Zusammenlebens in den Blick genommen. Neben vertiefenden Vorträgen hierzu bietet das Museum auch einen Workshop „Letterpress“ oder die beliebten lyrischen Führung mit dem Titel „Maschinenpoesie“ an.
Regelmäßige öffentliche Führungen – auch als Familienführung – runden das Angebot ab.
Konkrete Termine und weitere Informationen sind abrufbar auf der Homepage unter www.sauerland-museum.de.

